Auszüge aus
Beanspruchung im Lehrerberuf

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Reinhard Stähling:

Beanspruchung im Lehrerberuf

Einzelfallfeldstudie und Methodenerprobung

Waxmann, Münster/New York/München/Berlin, 1998 Intemationale Hochschulschriften, Band 280, 412 Seiten, broschiert ISBN 3-89325-644-X 59,00DM

Um die Belastung von Lehrem erfassen zu können, muss zunächst ausgemacht werden, welche Kombination von Belastungsfaktoren in diesem Beruf bestimmend ist. Lehrer sind immer stärker auch mit erzieherischen und sozial-integrativen Aufgaben konfrontiert. Es ist bis heute häufig unklar, nach welchen Kriterien der Schwierigkeitsgrad einer Aufgabe oder die individuelle Belastbarkeit z.B. einer Grundschullehrerin beschrieben werden können. Die vorliegende Arbeit bietet zunächst einen Überblick über die Lehrer-Belastungs-Forschung und erprobt auf dem Weg der Einzelfallanalyse eine Kombination unterschiedlicher Methoden, die über die übliche Feldforschung durch Befragung der Betroffenen hinausgeht. Dabei werden vor allem objektive Indikatoren wie physiologische Variablen oder Verhaltens- und Leistungsparameter durch Messungen, Videoaufzeichnungen und anschließende Video-Recall-Erhebungen analysiert.


Die täglichen Belastungen, denen Lehrerinnen und Lehrer ausgesetzt sind, haben unterschiedliche Ursachen und ebenso diverse Erscheinungsformen. Darüber ist gründlich geforscht und reichlich publiziert worden, aber die präzise Erfassung der Auswirkungen der vielfachen Belastungen ist bislang kaum wissenschaftlich angegangen worden. Ein wesentlicher Grund hierfür ist darin zu sehen, dass neben der Befragung von Lehrenden kaum Methoden vorliegen, mit denen die physischen und psychischen Belastungen tauglich gemessen und auf ihren Ursache-Wirkungs-Zusammenhang befragt werden können.

Diese Lücke schließt Reinhard Stähling, der einen ebenso aufwendigen wie interessanten methodischen Ansatz entwickelt hat: Für eine Einzelfallstudie hat er ein multimethodisches Arrangement konzipiert und dieses in einem Praxistest erprobt. Kernstück seiner Untersuchung ist eine Kombination aus physiologischen Messungen, Tagebuchaufzeichnungen, Videomitschnitten und Schallaufzeichnungen.

Mit diesen Verfahren wurde eine Woche im Leben einer Grundschullehrerin aufgezeichnet und ausgewertet. Das erscheint zwar als eine schmale empirische Datenbasis, Stählings Ansatz erlaubt aber einen selten präzisen Blick in die Zusammenhänge zwischen dem Geschehen im Klassenraum und den physischen und psychischen Reaktionen seiner Probandin. So konnte Stähling anhand von physiologischen Befunden deutlich herausstellen, wie sich der ganz normale Lehralltag auswirkt. Im Tageslängsschnitt erzeugen unterschiedliche berufliche Standardsituationen Auffälligkeiten, die durch die Korrelation von Meßdaten und subjektiven Belastungsempfindungen der Probandin sichtbar werden.

Stähling zerlegt den Tagesablauf seiner Probandin in kleinste Zeitabschnitte, die er inhaltlich beschreibt und dann mit Messergebnissen zu Herzrate, Atemtiefe, Körpertemperatur und elektrischer Muskelaktivität korreliert. Durch diese unterschiedlichen Messungen werden bereits minimale körperlich-organische Reaktionen sichtbar, die sodann als Verhaltens- und Leistungsparameter zu klassifizieren sind. Weiterhin kann Stähling das Videomaterial und die Tagebuchnotizen seiner Probandin nutzen, um die physiologischen Daten an den realen Ereignissen und deren subjektiver Wahrnehmung durch die Lehrerin zu spiegeln. Auf diese Weise gelangt Stähling schließlich zu einem Beanspruchungsmuster, das die Belastungen seiner Versuchsperson wiedergibt. Trotz des individuellen Zuschnitts werden sich in den Eckdaten dieses Belastungsmusters zahlreiche Lehrende wiederfinden, die täglich ein strukturell vergleichbares Muster durchleben. Das präzise Wissen um die Wirkungen von Alltagsbelastungen ist ein erster Schritt zur bewussten und selbstgesteuerten Vermeidung von körperlicher wie psychischer Erschöpfung. Denn nur wer weiß, wie der Körper auf Belastungssituationen reagiert, kann vorbeugen.

Die Studie erreicht, was sie beabsichtigt: Sie will zur Klärung von blinden Flecken in der Forschung beitragen, in dem sie methodisch exakte Nachweisverfahren zu Belastungsfaktoren entwickelt. Das umfassend abgedruckte statistische Material und die umfangreichen Messdatentabellen werten die Studie wissenschaftlich auf, sie sind für Lesende jedoch von nachrangigem Interesse. Daneben zeigt Stähling detailliert den bisherigen Forschungsstand zur Belastung von Lehrenden auf. Bei aller Datenfülle verliert Stähling den Lehralltag nicht aus dem Blick; und er weiß, wovon er spricht: er arbeitet seit 16 Jahren als Lehrer an einer Ganztagsgrundschule in Münster.

Dieter Wrobel, Iserlohn

Die Deutsche Schule, 91. Jg. 1999, H. 1