Reinhard Stähling
Unter westfälischen Eichen1930
Die kleine Kraft, welche Not tut, einen Kahn in den Strom hineinzustoßen, soll nicht mit der Kraft des Stromes,der ihn fürderhin trägt, verwechselt werden: aber es geschieht fast in allen Biographien.
Friedrich Nietzsche (1880): Menschliches, Allzumenschliches
Man wird, wenn man Geschichten schreibt, sehr oft gefragt: ,He Sie, ist das, was Sie geschrieben haben, auch wirklich passiert? Besonders die Kinder wollen das immer genau wissen. Da steht man dann da mit seinem dicken Kopf und zieht sich am Spitzbart. Manches in den Geschichten ist natürlich wirklich passiert, aber alles? Man ist doch nicht immer mit dem Notizblock hinter den Leuten hergesaust, um haarklein nachzustenographieren, was sie geredet und getan haben! Oder man wusste noch gar nicht, als ihnen dies und das zustieß, dass man jemals darüber schreiben würde! Ist doch klar, nicht?
Nun stellen sich aber viele Leser, große und kleine, breitbeinig hin und erklären: ,Sehr geehrter Herr, wenn das, was Sie zusammengeschrieben haben, nicht passiert ist, dann lässt es uns eiskalt. Und da möchte ich antworten: Ob wirklich passiert oder nicht, das ist egal. Hauptsache, dass die Geschichte wahr ist! Wahr ist eine Geschichte dann, wenn sie genauso, wie sie berichtet wird, wirklich hätte passieren können. Habt ihr das verstanden? Wenn ihr das verstanden habt, habt ihr ein wichtiges Gesetz der Kunst begriffen. Und wenn ihrs nicht verstanden habt, dann ist es auch nicht schlimm.
Erich Kästner (1931): Pünktchen und Anton
Was ich in diesem Buch erzähle, hat nie stattgefunden jedoch wäre im Sommer 1930 ein Treffen in Telgte (Günter Grass) möglich gewesen. Der Roman Unter westfälischen Eichen ist eine historische Fiktion. Keine einzige der dargestellten Personen entspricht einem real existierenden Menschen. Zwar sind nur wenige völlig frei erfunden, und ich habe mich an einige biografischen Daten der genannten Leute gehalten. Die Figuren, deren Handeln, wie auch deren Biografien wurden frei konstruiert. Viele der im Roman aufgenommenen Redebeiträge sind Zitate, die jeder Leser in den gängigen Standardwerken finden kann. Ich wollte authentische Stimmen der Zeit lebendig werden lassen. Und doch habe ich nicht über das Denken, Fühlen und Verhalten eines wirklichen Menschen im Jahre 1930 berichtet, sondern ich habe eine historische, eine mögliche Person beschrieben. Wahr ist meine Geschichte dann, wenn sie hätte passieren können. Zum Schreiben verführt hat mich die historische Fiktion Das Treffen in Telgte von Günter Grass. Dieses Buch wirft nicht nur ein Schlaglicht auf Westfalen, sondern erzählt auch von den versäumten Möglichkeiten eines großen Treffens. Die Faschisten ermordeten im Jahre 1930 siebenundsiebzig kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter. Ihre SA- und SS-Horden wirkten bereits drei Jahre vor der Machtübernahme als Streikbrecher und wurden auf Demonstrationen und Arbeiterversammlungen gehetzt. Viele Pädagogen, Psychologen und Schriftsteller, deren Namen in diesem Roman eine Rolle spielen, mussten in den Jahren nach 1930 die begonnene Arbeit einschränken und schließlich niederlegen. Hatten die sie damals eine Chance, das veraltete Erziehungswesen zu ändern?
Die traurige Chronik des gescheiterten Widerstands gegen den Faschismus beginnt in Westfalen sehr früh: Bereits drei Monate nach Hitlers Machtergreifung am 10. Mai 1933 verbrannten die Nationalsozialisten auf dem Hindenburgplatz in Münster die Bücher vieler bedeutender Frauen und Männer. Hitlers Verbrecherbande brauchte also nur drei Monate, um sich in dieser Universitätsstadt durchzusetzen. Und nur zwei Monate dauerte es, bis Hitler zum Ehrenbürger der Stadt Münster ernannt wurde.
Während der faschistischen Herrschaft von 1933 bis zur Befreiung 1945 wurden viele Pädagogen, Psychologen und Schriftsteller verfolgt. Georg Kerschensteiner (1854-1932) und Berthold Otto (1859-1933) haben den Faschismus nur im Frühstadium erleben müssen.
Sehr viele bedeutende Frauen und Männer, die sich 1930 in Telgte trafen, verlegten später ihren Wohnsitz notgedrungen ins Exil. Dazu gehörten:
Alfred Adler (1870 1937), er lebte 1930 noch in Wien
Bertolt Brecht (1898 1956), er lebte 1930 noch in Berlin
Lion Feuchtwanger (1884 1958), er lebte 1930 noch in Berlin
Erich Fromm (1900 1980), er lebte 1930 noch in Frankfurt
Paul Geheeb (1870 1961), er lebte 1930 noch in der Odenwaldschule
Kurt Hahn (1886 1974), er lebte 1930 noch im Schloss Salem
Edwin Hoernle (1883 1952), er lebte 1930 noch in Deutschland
Max Horkheimer (1895 1973), er lebte 1930 noch in Frankfurt
Fritz Karsen (1885 1951), er lebte 1930 noch in Berlin
Kurt Löwenstein (1885 1938), er lebte 1930 noch in Berlin
Maria Montessori (1879 1952), sie lebte 1930 noch in Barcelona und Rom
Alice Rühle-Gerstel (1894 1943), sie lebte 1930 noch nahe bei Dresden
Otto Rühle (1874 1943), er lebte 1930 noch nahe bei Dresden
Anna Siemsen (1882 1951), sie lebte 1930 noch in Berlin
Minna Specht (1879 1961), sie lebte 1930 noch im Landerziehungsheim Walkemühle bei Melsungen
Manès Sperber (1905 1984), er lebte 1930 noch in Berlin
Beim Lehrertreffen in Telgte 1930 waren auch Menschen, die unter dem Faschismus in ihrer Heimat blieben und versuchten, ihre Haut zu retten, ihre Arbeit fortzusetzen oder Einfluss auf die Machthaber auszuüben. Dazu gehörten:
Célestin Freinet (1896 1966), er lebte 1930 in St. Paul de Vence, wurde später von Faschisten inhaftiert
Wilhelm Krause (18811954), er lebte 1930 in Berlin
Martin Luserke (1880 1968), er lebte 1930 auf Juist
Paul Oestreich (1878 1959), er lebte 1930 in Berlin, wurde später inhaftiert
Peter Petersen (1884 1952), er lebte 1930 in Jena
Oskar Spiel (1892 1961), er lebte 1930 in Wien
Mathilde Vaerting (1884 1977), sie lebte 1930 in Berlin und Jena
Einige der Gäste bei dem Treffen im Jahre 1930 wurden von Faschisten und deren Helfershelfern ermordet. Dazu gehörten:
Otto Felix Kanitz (1894 1940, im KZ Buchenwald ermordet), er lebte 1930 noch in Wien
Janusz Korczak (1878 1942, im KZ Treblinka ermordet, zusammen mit Waisenkindern), er lebte 1930 noch in Warschau
Theodor Neubauer (1890 1945, hingerichtet), er lebte 1930 noch in Berlin
Adolf Reichwein (1898 1944, hingerichtet), er lebte 1930 noch in Halle
Alfred Schmidt-Sas (1943 hingerichtet), er lebte 1930 noch in Deutschland
Martin Schwantes (19041945, hingerichtet), er lebte 1930 noch in Deutschland
Zur wirtschaftlichen Situation Deutschlands im Sommer 1930 ist folgendes festzustellen: Man zählte 3 Millionen Arbeitslose, ein halbes Jahr später bereits 5 Millionen. 1928 waren noch 1 Million Menschen ohne Erwerb. An der Frage der Beitragserhöhung zur Arbeitslosenversicherung scheiterte im März 1930 die Große Koalition unter dem sozialdemokratischen Reichskanzler Müller. Die Linke war zerstritten, die SPD und KPD hatten keine gemeinsame Strategie gegen den Faschismus. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930 endete katastrophal. Die NSDAP, noch 1928 mit 2,6 Prozent eine Splitterpartei, bekam 18,3 Prozent und stellte mit 107 Abgeordneten die zweitstärkste Fraktion hinter der angeschlagenen SPD und vor der gestärkten KPD.
Der Reichsverband der Deutschen Industrie wusste Mittel und Wege, um dem befürchteten Zusammenbruch von Wirtschaftsunternehmen entgegenzuwirken. So sprach der Vorsitzendes des Verbands sächsischer Industrieller bereits Ende 1929 angesichts des Finanzdefizits der Regierung von 1,7 Mrd. RM (dem nur 1,37 Mrd. RM Deckungsmittel gegenüberstanden) eine Drohung an die Volksvertreter aus: Ist das Parlament seiner Aufgabe nicht gewachsen, (...) dann wird gar nichts anderes übrigbleiben als wieder einmal, wie es ja bereits 1923/24 der Fall gewesen ist, sich auf das Gebiet der Verordnungen zu begeben, was im übrigen eine durchaus zulässige, verfassungsgemäße Sache ist. (...) Ich stehe durchaus nicht isoliert da, wenn ich sage: Ein Ermächtigungsgesetz kann vielleicht noch die einzige Hilfe sein, die aus diesem Elend herausführt. (...) Um diesen Weg zu gehen, braucht man allerdings in erster Linie Zivilcourage, eine Eigenschaft, die bei uns leider nicht wild wächst, und in zweiter Linie bedarf es des Mutes zu vorübergehender Unpopularität.
Gewidmet ist dieser Roman den erzieherisch tätigen Menschen, die nicht nur hohe Belastungen im Beruf, sondern auch die Verfolgung durch die Faschisten erleiden mussten, in Achtung vor ihrem Leben.
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