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siehe auch: Es ist mšglich! Der Umbau des Schulsystems in Kanada
BARBARA WENDERS IM GESPR€CH MIT GORDON PORTER

Geleitwort der beiden Inklusionsforscher Ines Boban und Andreas Hinz 2011

Dazugehšren Ð das ist die Essenz dessen, was jedes Wesen braucht. Weil jedes DU zu dem ICH wird, dessen DU wir ihm sind, ist es essenziell, dass gesellschaftliche Institutionen sich so gestalten, dass jedes DU sich willkommen, getragen und gehalten fŸhlen kann Ð wenn wir denn eine dialogische, also inklusive Gesellschaft werden wollen. Eigentlich stellt sich diese Frage aber gar nicht mehr, nachdem die UN-Konvention Ÿber die Rechte von Menschen mit Behinderung von 2006 auch bei uns in Deutschland seit 2009 zweifelsfrei feststellt, dass die Menschenrechte diskriminierungsfrei fŸr alle und auch in der Schule gelten.

Wenn Studierende analysieren, wie problematisch ihnen gesellschaftliche Tendenzen dagegen erscheinen Ð beginnend schon bei medizinischen Mšglichkeiten vorgeburtlicher Selektion Ð, halten wir ihnen vor Augen, dass wir als diejenigen, die Kinder und Jugendliche auf ihrem (Lern-) Weg begleiten, dennoch an einer entscheidenden Stelle etwas tun kšnnen, was evtl. sogar die frŸhen medizinischen Eingriffe aushebeln kšnnte: Wir kšnnen Kulturen, Strukturen und Praktiken in allen Lebensphasen so (um-) gestalten, dass jedes Kind und mit ihm seine Familie sich freundlich empfangen und teilhabend, teilnehmend und teilgebend fŸhlen kann und so auch von seinen Eltern Druck genommen wird.

DafŸr gibt es viel zu tun. Wie sehr wir uns in einem kulturellen Umbruch befinden, kann ein Ausschnitt aus unserer Festrede zur feierlichen †bergabe der Examenszeugnisse an Studierende der LehrŠmter an Gymnasien und Sekundarschulen an der Martin-Luther-UniversitŠt Halle im Sommersemester 2011 verdeutlichen:

Es war einmal eine Zeit, da

  • durften Frauen nicht Fu§ball spielen,

  • durften MŠdchen nicht zur Schule gehen und Frauen nicht zur UniversitŠt,

  • galt die Hauptschule als sinnvolle Lernsituation,

  • gab es eine Wehrpflicht und einen Zivildienst, der vorher Ersatzdienst hie§,

  • gab es Sklaverei, Konzentrationslager und Apartheid,

  • gab es eine Mauer, die Deutschland in zwei Teile teilte,

  • galten Kernkraftwerke als sicher und deren Gegner als Spinner,

  • war es unmšglich, bekennend homosexuell BŸrgermeister zu werden.

DemnŠchst wird es eine Zeit geben, in der man sich kaum mehr vorstellen kann, dass es eine Zeit gab, da

  • gab es sechs Sorten von LehrerInnen, die alle im Wesentlichen allein arbeiteten,

  • wurden Kinder und Jugendliche zwangsweise auf verschiedene Schulformen verteilt,

  • gab es eine Mauer Ð in Israel (auf die jemand geschrieben hatte: Ich bin ein Berliner).Ò

Dies war am 27. 6. 2011 in Halle Ð der Monat, an dem die Fu§ball-Weltmeisterschaft der Frauen in Deutschland stattfand und die Wehrpflicht ausgesetzt wurde, und es war der Tag, an dem der Bundesvorstand der CDU den Beschluss zur †berwindung des âdreigliedrigen SchulsystemsÔ fasste.

Ethische und moralische Revolutionen sind also Alltagserfahrung. Die Zeit ist reif fŸr Orte, die das âBelongingÔ, das Dazugehšren ermšglichen, Orte, die vermitteln: âDu bist hier richtig. Und das wird durch nichts und niemanden je in Frage gestellt.Ô

Dass und wie das gehen kann Ð auch und gerade in einer Stadtteilschule Ð, zeigt dieses ermutigende Buch von Reinhard StŠhling. Klar, dass dafŸr einige Spielregeln des veralteten BeschŠmungs- und Separationsspiels verŠndert werden mŸssen Ð und zwar fŸr alle. Davon erzŠhlen diese wichtigen Seiten dieser nun vierten Auflage. Wir sind froh, dass dieses âgute ZeugnisÔ fŸr die Machbarkeit des Wandels immer mehr LeserInnen findet.

Halle (Saale) / Kroatien, September 2011ÊÊÊ ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ ÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊÊ ÊÊÊÊ Ines Boban & Andreas Hinz


Reinhard StŠhling Barbara Wenders

Ungehorsam im Schuldienst

Von heutigen Schulreformern lernen

Ein neues Praxisbuch fŸr den Umbau der Schule

Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2009
ISBN 9783834005502

ãDer Mensch hat sich durch Akte des Ungehorsams weiter entwickeltÒ, schreibt Erich Fromm 1963, ãauch die intellektuelle Entwicklung hatte die FŠhigkeit zum Ungehorsam zur Voraussetzung.Ò

Neville Alexander, einer der bedeutenden BefreiungspŠdagogen SŸdafrikas und WeggefŠhrte Nelson Mandelas erzŠhlt, wie er ein Jahrzehnt im GefŠngnis MithŠftlingen das Lesen und Schreiben beibrachte. Diese und andere Geschichten zeigen den Wert des Ungehorsams fŸr die Bildung. Sie sindÊ in diesem Buch gesammelt. Gerhard Sennlaub hat als Schulrat ganze Lehrergenerationen fasziniert, indem er sich gegen unsinnige Schulvorschriften wehrte. Schulamtsleiter Heinz Kreiselmeyer kŠmpfte gegen die MŸhlen der BŸrokratie und blieb trotz eines Disziplinarverfahrens bis heute ungebrochen. Mit unbeirrter Durchhaltekraft baute Gordon Porter kanadische Schulen um, die wirklich fŸr alle sind. Schulleiterin Gertraud Greiling zeigte Kindern in der Wartburgschule, die 2008 den deutschen Schulpreis erhielt, Êwie man in Freiheit selbststŠndig handeln kann.

Bedeutende PŠdagogen unserer Zeit betreiben eine Art von Selbsterforschung, wenn sie ihre Arbeit im Nachhinein betrachten. Sie alle entdecken den Bildungswert des Ungehorsams. Ihre aufrechte, humorvolle HaltungÊ macht sie unbequem. Faszinierende Fotos von Donata Wenders lenken den Blick auf die WŸrde der Kinder, um die es geht. Das Buch bietet Hilfen fŸr den Umbau der Schulen undÊ beschreibt an fassbaren Beispielen, wie das traditionelle Schulwesen ins Wanken kommt: Eine Kraftquelle fŸr alle, die Schule verŠndern wollen.

Barbara Wenders, Jg. 1952, Lehrerin fŸr Grund- und Hauptschule und SonderpŠdagogik, arbeitet im Gemeinsamen Unterricht in der Grundschule Berg Fidel MŸnster

Reinhard StŠhling, Jg. 1956, Leiter der Grundschule Berg Fidel in MŸnster

Fotografische Schulimpressionen von Donata Wenders, Jg. 1965, Fotografin, Berlin


Ungehorsam im Schuldienst


Eine Rezension des gleichnamigen Buches
von Barbara Wenders und Reinhard StŠhling
von GŸnther Schmidt-Falck


Auf dieses Buch habe ich schon seit vielen, vielen Jahren gewartet und sicherheitshalber schon mal einen Platz im Regal freigehalten. Ich wusste, es wird eines Tages erscheinen. Wahrscheinlich hat es die Zeit gebraucht, bis sich AutorInnen gefunden haben, um mit ihrer ãGeschichteÒ an die …ffentlichkeit zu gehen. Barbara Wenders und Reinhard StŠhling ist es zu verdanken, dass dieses Werk Ÿber ãAkte des UngehorsamsÒ das Licht der …ffentlichkeit erblickte.

Wovon handelt das Buch?
Zwšlf AutorIinnen, allesamt aus dem Bildungsbereich, berichten Ÿber ihren Berufsalltag als LehrerInnen, RektorInnen, in Heimen, in der Lehrerausbildung oder in der Schulaufsicht. Barbara Wenders und Reinhard StŠhling stellten Interviewfragen, die Interviewpartner schilderten ihren alltŠglichen Kampf gegen unsinnige Vorschriften, verknšcherte und unsichere KollegInnen und beschrieben destruktive, teilweise auch bšsartige Vorgesetzte. Sie wehrten sich gegen Bevormundung und traten fŸr Menschen ein, die auch unter der WillkŸr zu leiden hatten oder sich (noch) nicht wehren konnten. Es sind erlebte Geschichten und leise, manchmal auch laute Aufschreie gegen das Unrecht.

ãDer lange steinige Weg Ð Ungehorsam im Dienste der BildungÒ
Im ersten Interview des 1. Kapitels erzŠhlt ein Schulrat, Gerhard Sennlaub (Titel: Gegen amtlich angeordnete KinderschŠndung), dass er Freude und Befriedigung in seinem Beruf als Dorfschullehrer erleben wollte. Er mŸsse als Lehrer einsehen und empfinden kšnnen, dass er das Richtige tue. Unter dem Richtigen versteht er, dass sich eine Lehrkraft im Beruf wohlfŸhlt und dass auch die Kinder sich freuen. Er setzt sich fŸr Kinder ein, fŸr KollegInnen, die er spŠter als Schulleiter an seiner Schule haben wollte. Eine seiner wichtigsten Botschaften:
ãBei Auseinandersetzungen muss unser Motto sein: Kein Verlierer!Ò (S. 17)
FŸr die LehrkrŠfte fordert er:
ãGebt ihnen den Freiraum, den Idealismus und pŠdagogische Vernunft brauchen, und ihr werdet merken, wie viele gute es gibt.Ò (S. 15)
Ich habe seinen Beitrag als eine Art EinfŸhrung in das Buch empfunden.

Exkurse
Zwischen den Interviews schreibt Reinhard StŠhling kurze Zusammenfassungen, Ausblicke und theoretische ãAbrundungenÒ. Sie stehen inhaltlich in der Regel in keinem direkten Zusammenhang AUSWEGE Ð 31.12.09 Rezension: Ungehorsam im Schuldienst 1
zum vorausgehenden Interview. Er nennt sie treffenderweise ãExkurseÒ. Sie schauen Ÿber den Interviewtext hinaus, ordnen ein, struktieren und sammeln. Bei der Gelegenheit sei gleich ein Hinweis auf die Buchstruktur gestattet: Sie ist gut gemacht, Ÿbersichtlich und klar im Aufbau. Aufgrund der Struktur mit den vorausgehenden Interviews war ich eher bereit, mich anschlie§end auf einen theoretischen Exkurs einzulassen.

Betroffene erzŠhlen
Im zweiten Interview kommt Irmtraud Schnell zu Wort. Sie ist SonderpŠdagogin, und eines ihrer Themen hei§t ãIntegrationÒ. Sie berichtet Ÿber sich, Ÿber die Herkunft ihrer Empathie fŸr Kinder und Ÿber die Entstehung ihrer Motive, sich fŸr die Integration von schwierigen Kinder in die Regelschule einzusetzen:
ãDas Thema ÈDazugehšrenÇ ist ein ganz tief verwurzeltes. Als Kind musste ich mich aus gesundheitlichen GrŸnden mehrmals fŸr lŠngere Zeit fern von meiner Familie aufhalten. Dieses Herausgerissensein, keinen festen Platz zu haben, was das hei§t, kann ich Kindern nachfŸhlen. Es soll nicht sein, dass Kinder sich fragen mŸssen: ÈWo gehšre ich eigentlich hin?ÇÒ (S. 38).
Gerade die Verbindung von eigenem Wachstum, erlebten EnttŠuschungen und Erfolgen, vom Finden eigener Wege und Ziele und dem Kampf gegen gesellschaftliche Strukturen habe ich als eine der grš§ten StŠrken des Buches empfunden. So wird nicht nur das eigene heroische Handeln herausgestellt, wie das aus zahlreichen Beispielen der frŸheren Arbeiterliteratur bekannt ist. Dort sollten leuchtende Beispiele vorgefŸhrt werden,
versehen mit dem moralischen Zeigefinger und dem Wissen um den ãeinzigen richtigen WegÒ. In diesem Buch erzŠhlen Betroffene von sich, ohne stŠndig ãWahrheitenÒ verbreiten zu mŸssen.
In den weiteren AufsŠtzen berichten die AutorInnen von der LeitungstŠtigkeit in reformpŠdagogischen Schulen, von Brennpunktschulen, Heimen und vom Widerstand gegen ãgymnasiale SelbstverstŠndlichkeitenÒ. Es wŸrde zu weit fŸhren, alle Interviews hier vorzustellen. Eines kann allerdings gesagt werden: Ich habe alle mit Spannung, Genuss und Betroffenheit gelesen.

ãSkandalÇ Ð Von Medien begleiteter Ungehorsam im Dienste der BildungÒ
Der zweite Teil des Buches bleibt dem Schulamtsleiter a.D. Heinz Kreiselmeyer vorbehalten. ZunŠchstv wird eine Chronologie seiner Disziplinarma§nahme vorgestellt. Danach erzŠhlt er im Interview von seiner Zeit als Seminarleiter und als leitender Schulamtsdirektor. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse:
ãEs wŠre schlimm, wenn du als Lehrer, Schulleiter oder Schulrat eines Tages gehen wŸrdest und keiner wŸrde merken, dass du gegangen bist. Eine gesichtslose Schule, ein gesichtloses Schulamt. Schlimm. Wenn du keine Spuren hinterlŠsst, hast du einen ganz wesentlichen Auftrag verfehlt. Es muss spŸrbar werden, dass es dich gab.Ò (S. 193)
Heinz Kreislemeyer lie§ sich in keinem seiner vielen Arbeitsbereiche verbiegen. Die Verfolgung seiner Person fu§t nicht zuletzt auf dieser Haltung. Die Regierung von Mittelfranken ermittelte 27 Monate lang gegen ihn. Die HintergrŸnde der ãUntersuchungenÒ sieht er darin:
ãDer Auslšser fŸr die Ermittlungen lag offensichtlich in meinem Gesamtverhalten. Die Untersuchungen bezogen sich, mehr oder weniger verdeckt, auf meine šffentliche Kritik am System Schule, auf mein Eintreten fŸr das Volksbegehren ÈBessere Schule fŸr BayernÇ, meine šffentliche Darstellung einer rigiden bŸrokratischen Bildungsadministration und nicht zuletzt auf meine AktivitŠten in der Initiative Praktisches Lernen Bayern e.V. Als Èpersona non grataÇ, als ÈRebellÇ sollte mir eine scharfe Lektion erteilt werden. Fortan wurden alle meine beruflichen Wege bis ins kleinste Detail untersucht und verfolgt.Ò (S. 197)
Heinz Kreiselmeyer hat an der Macht der herrschenden Klasse gekratzt. Sein Bericht ist erschŸtternd. Zum GlŸck hat er alle Details akribisch gesammelt. Zum GlŸck auch konnten ãsieÒ ihn nicht brechen.

ãAndere LŠnder Ð andere Sitten Ð Ungeheure Horizonte fŸr die BildungÒ
Im letzten Teil des Buches erzŠhlen ein kanadischer Schulamtsdirektor, eine kanadische Schulleiterin und ein sŸdafrikanischer PŠdagoge und WiderstandskŠmpfer Ÿber den Kampf in ihren LŠndern. Sicherlich ŸberflŸssig zu erwŠhnen, dass dort die VerŠnderungen auch keine BegeisterungsstŸrme hervorgerufen haben. Sobald einer den Mainstream der herrschenden ReaktionŠre und Kleingeister verlŠsst, beginnt der alltŠgliche Kampf.

Fazit:
Dieses Buch bietet einen atemberaubenden Einblick in Inkompetenz, Peinlichkeiten und UnterdrŸckungsmechanismen im Schul- und Erziehungsbereich. Zwanghafte und Šngstliche RektorInnen, kleingeistige Schulaufsichtspersonen und angepasste PolitikerInnen werden immer wieder beschrieben. Die Interviews ermšglichen weiterhin einen Blick hinter die Kulissen einer schŠbigen Kultus- und SchulbŸrokratie. Wer glaubt, das Buch wŸrde einem beim Lesen den letzten Nerv rauben, wenn man sich mit solchen
unglaublichen VorgŠngen beschŠftigt, irrt allerdings. Im Klappentext hei§t es:
ãDas Buch bietet Hilfen fŸr den Umbau der Schulen und beschreibt an fassbaren Beispielen, wie das traditionelle Schulwesen ins Wanken kommt: Eine Kraftquelle fŸr alle, die Schule verŠndern wollen.Ò
Bingo! Diese Kraftquelle erlebte ich beim Lesen von Kapitel zu Kapitel aufs neue. Es war weniger das Sammeln von Informationen Ÿber eine mšgliche VerŠnderung verkrusterter Strukturen oder das Vorgehen gegen autoritŠre Vorgesetzte. Nein. Die autentischen Schilderungen lie§en mich teilhaben an politischen KŠmpfen, Zweifeln und persšnlichem Wachstum. Da gibt es Menschen, die sich mit ZustŠnden und Strukturen nicht abfinden konnten und wollten. Menschen, die sich durchgesetzt haben, nicht zerbrochen sind. Manchmal mussten sie klug handeln: Zwei Schritte zurŸck, bevor es wieder einen Schritt weiter gehen konnte. Aber sie sind gegangen. Aufrecht. Haben sich nicht verbiegen lassen. Haben fŸr ihre Ideen und um ihren Platz, an dem sie arbeiteten und lebten, gekŠmpft. Die LektŸre war ein echter Gewinn!

†ber den Autor:
GŸnther Schmidt-Falck, personzentrierter Coach und Konfliktberater, ist Webmaster des Magazins AUSWEGE und GeschŠftsfŸhrer der GEW Ansbach.

Kontakt:
auswege@gmail.com
www.magazin-auswege.de

Die Schule als Problem- und Konfliktfeld

von Christa D. SchŠfer

Probleme und Konflikte sind normal und es wird sie immer geben.
Wichtig ist hingegen, wie mit ihnen umgegangen wird.
Schšn wŠre ein konstruktiver und kreativer Umgang.

Das sind einige meiner StandardsŠtze in der Konfliktlotsen- und Mediationsausbildung sowie in den Kursen zum Runden Tisch in der Familie. Jetzt habe ich ein Buch in die HŠnde bekommen, das voll von Problemen und Konflikten zum Thema Schule ist. ãUngehorsam im SchuldienstÒ, so hei§t das Buch von Reinhard StŠhling und Barbara Wenders aus dem Schneider Verlag Hohengehren.
Gehorsam war bzw. ist in den meisten Schulen noch immer oberstes Erziehungsziel. Da klingt es paradox, von PŠdagogInnen als ãungehorsamÒ zu sprechen.
Die Autoren des Buches interessierte, was hinter den Kulissen von Schulen passiert, wo ãungehorsameÒ Lehrerinnen und Lehrer bei der VerŠnderung von Schule erfolgreich waren. Und es ist ihnen gelungen zu zeigen, dass gute PŠdagogik geradezu Ungehorsam herausfordert, so resŸmiert Astrid Kaiser in ihrem Vorwort zum Buch. Da mŸssen pŠdagogische HandlungsspielrŠume ausgeweitet werden und Zivilcourage gegen bŸrokratische unpŠdagogische Richtlinien stehen. Mut und der Wille, fŸr Kinder und Jugendliche einzugestehen, wird so zur absoluten Voraussetzung fŸr dieses Handeln. Ein wunderbares Buch ist daraus entstanden, dem ich viele Leser wŸnsche.
†ber ein Kapitel, das mich besonders berŸhrt hat, mšchte ich hier berichten. Wenn Kinder nicht in die Norm passen, ein Exkurs Ÿber den Widerstand gegen gymnasiale SelbstverstŠndlichkeiten Ð so hei§t die AusfŸhrung. Barbara Wenders erzŠhlt von Nelly, die von Geburt an eine Spastik hat, dagegen aber meist schon mehrere GedankengŠnge weiter ist, wenn die anderen Kinder und Jugendlichen ihrer Klasse gerade zu denken beginnen. Das hat ihr geholfen, eine ãnormaleÒ Schule besuchen zu kšnnen, doch hatte Nelly immer das GefŸhl, besser sein zu mŸssen als alle anderen, um in der Schule bestehen zu kšnnen. Von den ganzen Schwierigkeiten eine Schule zu finden, in dieser Schule in Ruhe arbeiten zu kšnnen und sich dort mit ihrem Dreirad als Fortbewegungsmittel bewegen zu kšnnen, mšchte ich gar nicht berichten. Ich mšchte lediglich einige SŠtze Nellys zitieren, die sie am Ende ihrer Schulzeit rŸckblickend sagt:

ãAuf so einer Schule, wie meine Grundschule eine war, wŠre ich gerne lŠnger geblieben. Dort gab es den Klassenrat, da haben wir gelernt, dass wir alle die gleichen Rechte haben. Auch ich durfte mich, im Gegensatz zur weiterfŸhrenden Schule, Ÿber meine Lehrer beschweren. Im Klassenrat haben wir gelernt, dass niemand blo§gestellt werden darf, dass jeder, der Hilfe braucht, sie auch bekommt. FŸr mich war nach ganz kurzer Zeit klar, dass ich immer jemanden hatte, der mir die TŸren aufhielt. Dieser Dienst war im Klassenrat geregelt worden, und er funktionierte so selbstverstŠndlich wie jeder andere Dienst auch.
Dann gab es auch noch Treppen vor dem Eingang. Wie sollte ich mit meinem Dreirad dort hinauffahren kšnnen? Die Schulleiterin hat vermutlich gegen Bauvorschriften versto§en, als sie einfach Holzbohlen dorthin legte. Ich kam jedenfalls barrierefrei in die Schule. Als eines Tages ein anderes Kind mir drohte, mich von der Rampe zu stŸrzen, wusste ich, das kann ich im Klassenrat klŠren. Und es wurde geklŠrt.Ò (Buch S. 75)

Eine Ÿberzeugendere Empfehlung fŸr den Klassenrat kann es meiner Meinung nach doch gar nicht geben! Ich habe eine Praxishilfe zum Thema Klassenrat geschrieben, die Sie kostenfrei herunterladen kšnnen und nach der Sie einfach und unkompliziert den Klassenrat einfŸhren kšnnen. Falls Sie ein Trainingseinheit zum Klassenrat buchen mšchten, auch dies biete ich in einer Ein-Tages und Drei-Tages-Variante in Ihrer Schule oder in meinen Berliner RŠumlichkeiten an Ð hier ein Bericht zu meinem Klassenratstraining in Wolfsburg. Ich hoffe darauf, dass viele Klassen den Klassenrat ebenso wie Nelly als KlŠrungsort fŸr ein friedlicheres Schulleben kennenlernen.

Kontakt:
www.chschaefer.de
www.mediation-berlin-blog.de
mail@ChSchaefer.de


Entwicklung durch Ungehorsam

von Detlef TrŠbert

RŠtselfrage: Was haben Neville Alexander, Jean Collicott, Ada Fuest, Gertraud Greiling, Walter Hšvel, Astrid Kaiser, Heinz Kreiselmeyer, Raimund Patt, Manfred Pollert, Gordon Porter, Irmtraud Schnell, Brigitte Schumann und Gerhard Sennlaub gemeinsam? Alle waren sie ãUngehorsam im SchuldienstÒ. So lautet denn auch der Titel des neuen Buches von Reinhard StŠhling und Barbara Wenders, Schulleiter und Lehrerin an der fŸr ihre reformpŠdagogische Arbeit berŸhmten Grundschule Berg Fidel in MŸnster.

Die beiden Autoren haben die vorgenannten Persšnlichkeiten in Interviews zum ErzŠhlen gebracht: Ÿber ihren Kampf ãgegen amtlich angeordnete KinderschŠndungÒ (Sennlaub), die †berwindung von ãAngst vor AutoritŠtenÒ oder Ÿber das Durchstehen eines langen Disziplinarprozesses, ohne die eigene IdentitŠt aufzugeben (Kreiselmeyer). Dabei geht es nicht darum, den Ungehorsam per se zur Tugend zu erheben, sondern es geht um ãden Respekt fŸr die Interessen und BedŸrfnisse der KinderÒ, um die ãAchtung ihrer RechteÒ und den ãGehorsam gegen die eigenen IdealeÒ (Sennlaub). Diesen Intentionen tragen auch die sehenswerten, einfŸhlsamen Fotos von Donata Wenders Rechnung.

FŸr alle berichteten Beispiele gilt, dass der Mut und die Unerschrockenheit ihrer Protagonisten, oftmals aber auch ihre taktische Klugheit, die Voraussetzungen dafŸr waren, pŠdagogische Ideale in Praxis umsetzen zu kšnnen. Es gehšrt eine gro§e Disziplin dazu, erfolgreich ungehorsam zu sein. Schulentwicklung, ob es um die Arbeit in einem sozialen Brennpunkt, die Entwicklung von Ganztagsschule, Inklusion oder Leistungsbeurteilung geht, ist nicht immer mit den geltenden Vorschriften vereinbar. Wer - zumal benachteiligten - Kindern und Jugendlichen wirklich helfen will, muss Dinge tun, die so eigentlich nicht vorgesehen sind.

Reinhard StŠhling stellt in eingeschobenen Exkursen immer wieder Sammlungen ãpraxiserprobter UngehšrigkeitenÒ vor, die bei der konkreten Schulentwicklung hilfreich sein kšnnen. Andere seiner Exkurse zwischen den Berichten widmen sich u.a. juristischen und psychologischen Fragen.

ãDie Menschheitsgeschichte begann mit einem Akt des Ungehorsams, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie mit einem Akt des Gehorsams ihr Ende finden wirdÒ, wird Erich Fromm zitiert (S. 228). So lange Menschen sich um Menschlichkeit bemŸhen, so lange ist Ungehorsam vonnšten. Aber kšnnen ausreichend viele Menschen ausreichend mutig sein? ãWenn ich in einem Rechtsstaat nicht in der Lage bin, meine †berzeugung zum Ausdruck zu bringen und ein ganz kleines Zeichen zu setzen, was hŠtte ich dann wohl im Nationalsozialismus fŸr eine Rolle gespielt?Ò (S. 63 f.), fragt sich Brigitte Schumann in ihrem Bericht. Insofern passt auch Neville Alexanders Schilderung aus dem Widerstand in SŸdafrika in den Kontext von ãUngehorsam im SchuldienstÒ, denn Ungehorsam eršffnet ungeheure Horizonte fŸr die Bildung Ð Ÿberall auf der Welt, sogar bei uns.

ãUngehorsam im SchuldienstÒ ist eine ãKraftquelle fŸr alle, die Schule verŠndern wollenÒ, hei§t es zu Recht im Klappentext, und darŸber hinaus ist es eine Bereicherung fŸr jeden, der Schule menschlicher gestalten mšchte.

Dipl.-PŠd. Detlev TrŠbert
www.aktion-humane-schule.de
ahs@aktion-humane-schule.de


Fuest, Ada (2008): Und in der Mitte das Kind: Praxiswege einer kindorientierten Grundschularbeit. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 272 Seiten. Euro 19.80.

ãUnd inÊ der Mitte das KindÒ: Dieser Titel erinnert an das bekannte Motto ãJahrhundert des KindesÒ,Ê so betitelte Ellen Key ihr 1900 erschienenes Buch. Sie vertrat in Anlehnung an Rousseau eine konsequent ãnatŸrliche ErziehungÒ des Wachsenlassens und ein gesamtschul- und arbeitsschulartiges Modell der ãZukunftsschuleÒ. Auch Titel, die in der Tradition Freinets, Montessoris oder Steiners stehen, kšnnten den Titel ãUnd in der Mitte das KindÒ zu Recht fŸr sich in Anspruch nehmen, so dass sich die Frage aufdrŠngt, was denn Ada Fuests Buch besonders kennzeichnet. In welcher Tradition steht sie mit ihrem 2008 erschienenen Buch? Dessen acht Kapitel beantworten diese Frage eindeutig: Fuests theoretischer Hintergrund ãentstammt individualpsychologischen AnsŠtzen, die sie in ihrem VerhŠltnis zu den Kindern lebtÒ (Astrid Kaiser im Vorwort, S. XII). Damit ist bereits eine erste StŠrke dieses zu besprechenden Buches angesprochen, dessen LebensnŠhe. Ada Fuest schreibt auf dem Hintergrund ihrer langjŠhrigen Erfahrungen als Lehrerin, Fachleiterin und Schulleiterin. Sie schildert zahlreiche Begegnungen mit ihren SchŸlerinnen und SchŸlern, zeigt deren ãoriginŠre LebensbewegungenÒ (Heisterkamp), lŠsst die Kinder sprechend, schreibend und zeichnend zu Worte kommen: ãIch heisse nicht Ralf, ich heisse Manfred. Meine Mutter nennt mich nur immer so, weil sie den Namen schšner findetÒ. So Šussert sich Ralf, der ins erste Schuljahr eingetreten ist. Wie soll eine Lehrperson darauf eingehen? Muss das sein? Dies kann man sich schon fragen ........ ãWo wŸrde ich hinkommen, wenn alle Kinder stŠndig ihre Namen wechseln wollten?Ò Jetzt ist Manfred bzw. Ralf aber nicht irgendjemand, sondern Ð darauf weist die Individualpsychologie hin Ð wie jeder Mensch einzig- und eigenartig. Lehrerin Fuest hat sich auf Ralfs Wunsch eingelassen und hat ihm so die Chance fŸr einen Neubeginn eršffnet. Er wurde ein anderer in der Klasse und ãhšrte mit dem Klauen langsam auf. Von den Kindern und seiner Lehrerin erhielt er mehr Mut zum LernenÒ. (S. 28)

Solche Entwicklungsprozesse laufen nicht von selbst ab, brauchen Voraussetzungen, zum Beispiel das GefŸhl, von den anderen Kindern und von der Lehrperson verstanden, akzeptiert und gleichwertig behandelt zu werden. Wie solche Prozesse verlaufen, wenn ãin der Mitte das KindÒ steht, davon handelt das Buch. Methodisch hilfreich und die jeweiligen Entwicklungen anregend sind:

Wer zu diesen sieben Stichworten Anregungen sucht, findet diese vor allem in den ersten Kapiteln des Buches. Bei der Auflistung dieser methodischen Anleitungen zeigt sich Fuest Orientierung an der Individualpsychologie, immer wieder werden individualpsychologisch orientierte Psychologinnen und Psychologen wie Antoch, Dreikurs, Heisterkamp, Kummer, Schmidt oder Tymister zur ErlŠuterung angefŸhrt. Zentral ist immer das Gelingen der Kommunikation, was im Einzelfall bedeuten kann: ãKinder zum Sprechen zu veranlassen, das eigene Verhalten im GesprŠch auf das Kind hin so zu verŠndern, dass das Kind sich šffnen kann, dass es lernt, Ÿber sich und seine Schwierigkeiten zu sprechen, dass es lernt, dass Fehler zu machen zum Leben gehšren, dass es lernt, um Hilfe zu bitten, wenn es etwas noch nicht kann, dass wir das GesprŠch mit dem Kind nicht abbrechen lassen, dass wir einen ermutigenden Dialog mit dem Kind fŸhrenÒ (Fuest 2008, S. 149).

Wenn das Kind lernen soll, dass Fehler zu machen zum Leben gehšrt, dass um Hilfe zu bitten erwŸnscht ist, dann muss es dies in der Schule gleichermassen erleben kšnnen. Ada Fuest weiss dies und bezieht sich darum Ð ganz in tiefenpsychologischer Tradition Ð als Person stets mit ein. So Ÿberscheibt sie ein Kapitel mit ãWas habe ich von Sabrina gelernt?Ò, weil sie davon ausgeht, dass auch die Lehrperson stets am Lernen ist (vgl. Fuest 2008, S. 51). Konsequenterweise gehšren fŸr die Autorin Selbstreflexion und der Besuch einer Supervisionsgruppe zum Berufsauftrag der Lehrperson. So schafft sich diese die Voraussetzungen, um den Kindern tagtŠglich offen, ehrlich und lernbereit begegnen zu kšnnen. Die tagtŠgliche Selbstreflexion gehšrt gleichermassen zum Berufsauftrag der Schulleiterin, auch darŸber erfŠhrt der Leser/die Leserin Wichtiges, zum Beispiel wenn Ada Fuest schreibt:Ò Mit Macht ausgestattet, musste ich mir klar werden, was denn der richtige Gebrauch von Macht war...Ò (S. 243).

Weitere Themen des Buches Ð zum Beispiel Sinti- und Roma-Kinder Ð oder innere Schulentwicklung und neue Strukturen Ð kšnnen im Rahmen dieser kurzen Besprechung nur genannt werden. Nochmals wird einem durch deren Nennung der weite Rahmen des Buches vor Augen gefŸhrt. Dieses ist spannend zu lesen, gerade weil die Autorin sowie deren SchŸlerinnen und SchŸler gleichermassen zu Worte kommen.

ãUnd in der Mitte das KindÒ sollte in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung gelesen und diskutiert werden. Es zeigt eindrŸcklich die Mšglichkeiten von Beziehungsbildung und Ð gestaltung in einer sog. Brennpunktschule exemplarisch auf, wie sie jeden Tag neu zu leisten sind. Das Buch stellt Anschauungsbeispiele zur VerfŸgung, wie sie oft fehlen. Und alle pŠdagogisch Interessierten kšnnen dem Buch ãUnd in der Mitte das KindÒ von Ada Fuest Anregungen fŸr die Verwirklichung dieses alten reformpŠdagogischen Grundsatzes entnehmen, wie sie im Lichte der individualpsychologischen Theorie begrŸndbar sind.

JŸrg RŸedi, ZŸrich

StŠhling, Reinhard (2006): ãDu gehšrst zu unsÒ - Inklusive Grundschule. Ein Praxisbuch fŸr den Umbau der Schule. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 184 Seiten. Euro 18.00.Ê

Ebenfalls theoretische Anstšsse der Individualpsychologie, zum Beispiel hinsichtlich des Klassenrats, aufgenommen und verarbeitet hat Reinhard StŠhling. Er unterrichtet seit 1982 ununterbrochen als Grundschullehrer und ist Schulleiter an der Grundschule Berg Fidel in MŸnster. Diese enge Verbindung zur Praxis verleiht seinen wissenschaftlichen und bildungspolitischen Veršffentlichungen zu Themen wie ãUnterrichtsqualitŠtÒ oder zur so genannten ãinklusiven PŠdagogikÒ eine GlaubwŸrdigkeit, die manch anderen Publikationen, entstanden nicht zuletzt unter dem Druck, publizieren zu mŸssen, abgeht.Ê Unter seinem Konzept einer ãinklusiven GrundschuleÒ versteht er den Einbezug der Rechte aller Kinder. Eine ãinklusive BildungÒ heisst fŸr StŠhling, dass alle Kinder in allgemeinen Schulen in heterogenen Lerngruppen der Vielfalt der Begabung entsprechend unterrichtet werden. Die nštige individuelle UnterstŸtzung wird zum Kind gebracht. Bildung ist ein Recht, das zur Wahrnehmung anderer Rechte erst befŠhige; werde sie vorenthalten, bedeute das den Ausschluss von Selbstbestimmung, politischer und gesellschaftlicher Teilhabe, Arbeit und Gesundheit. StŠhlings Kritik richtet sich somit nicht gegen die Lehrpersonen, welche sich im vorgegebenen Rahmen mit all ihren KrŠften fŸr ihre SchŸlerinnen und SchŸler einsetzen, sondern er prangert diejenigen ZustŠnde an deutschen Schulen an, die vom Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen fŸr das Recht auf Bildung, Vernor Munoz, angeprangert wurden:

Auf diese Weise produziere und reproduziere das Bildungssystem gesellschaftliche Ungleichheit und Armut. FŸr Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und Benachteiligungen bedeute die Ausgrenzung in Sonderschulen den Einstieg in lebenslange Sonderwege an den RŠndern der Gesellschaft. Gleichzeitig werde allen Kindern die Vielfalt der Gesellschaft in der Schule vorenthalten. Sie kšnnten so nicht im Alltag lernen, respektvoll und konstruktiv mit Andersartigkeit umzugehen.

StŠhling fordert darum den ãUmbau der SchuleÒ: Es sei hšchste Zeit fŸr die inklusive Schule. Grundschullehrer StŠhling lŠsst es nun Ð wie schon angedeutet Ð nicht bei dieser Kritik am deutschen Schulsystem bewenden, sondern er zeigt in der Grundschule ãBerg FidelÒ in MŸnster bereits erprobte Wege auf, wie Schritte in Richtung ãinklusive GrundschuleÒ mšglich sind:

Diese sechs Merkmale sind fŸr StŠhling (2006, S. 99) ãdie soziale Basis fŸr die Entwicklung aller Kinder. Sie ermšglichen jedem Kind in dieser Schule zu einer Arbeitshaltung zu findenÒ. In methodischer Hinsicht sind fŸr die Grundschule Berg Fidel zwei Prinzipien wichtig, die sich mit den Begriffen ãGesundheitsfšrderungÒ und ãoffener UnterrichtÒ umreissen lassen:

Das ãinklusive Konzept Berg FidelÒ kann Ð und dies verstŠrkt wiederum die GlaubwŸrdigkeit von StŠhlings (2006, S. 111f.) ãPraxisbuch fŸr den Umbau der SchuleÒ - schon auf eine lŠngere Entwicklung seit 1991 zurŸckblicken: ãNur wenige der inzwischen gemachten Schritte waren Jahre zuvor abzusehen, keine Erfahrungen haben wir voraussehen kšnnen und niemand hat 1991 eine Prognose gewagt, wie die Schule fŸnfzehn Jahre spŠter arbeitetÒ. Entscheidend fŸr den Fortschritt dieses ãinklusiven WegesÒ sei es, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht zu Ÿberlasten. Wenn Teamarbeit zum Wohle aller Menschen in der Schule kreativ genutzt werde, reduziere sich die Beanspruchung. In einer Zeit, in der wissenschaftliche Untersuchungen immer wieder auf die Belastungen der Lehrpersonen, hinweisen, in einer Zeit, in der ãBurn-out in LehrberufenÒ ein Dauerthema ist, lŠsst diese Aussage StŠhlings aufhorchen. Dieser hat viel im Sinn, verfolgt hohe und anspruchsvolle Ziele, geht aber diesen Weg bereits und kann auf Erprobtes zurŸckblicken: ãEs wird nicht theoretisiert Ÿber Inklusion, sondern es werden gangbare Wege aufgezeigtÒÊ Ð mit diesen Worten wŸrdigt Astrid Kaiser (2006, S. VII) als Herausgeberin der Reihe das Anliegen Reinhard StŠhlings (vgl. www. reinhard-staehling.de). Sie schliesst ihr Vorwort so ab: ãIch wŸnsche mir, dass die pŠdagogische WŠrme und Zuversicht des Autors auch auf die Lesenden dieses Buches Ÿberstršmt und dass viel Kraft von diesem Buch auf die VerŠnderung der Schulen im Lande ausstrahltÒ. Diesem Wunsch kann nur beigepflichtet werden.

JŸrg RŸedi, ZŸrich


Rezension in NDS 4/2010

Reinhard StŠhling/Barbara Wenders
Ungehorsam im Schuldienst

Der praktische Weg zu einer Schule fŸr alle
Schneider Verlag; Baltmannsweiler 2009;
ISBN 978-3-834005502; 255 Seiten; 19,80 Euro

Ein bunter Strau§ Ð vornehmlich praktischer Ð Erfahrungen und Ideen aus der Schule und fŸr die Schule: Im ersten Kapitel werden zwšlfnPŠdagogen aus dem Bildungsbereich interviewt. Anschaulich und spannend berichten sie aus ihrem pŠdagogischen Alltag. Versuche, gegen den verordneten Trott, gegen sinnlose Vorschriften und unsinnige Bevormundung anzugehen. Es wird gezeigt, wie Schule gelingen kann, wenn Lehrer es als ihre Aufgabe ansehen, pŠdagogisch verantwortungsvoll zu handeln, auch ohne ãum Erlaubnis einzukommenÒ. Die (typisch deutsche) Angst vor AutoritŠten ist nirgends so kontraproduktiv wie im Lehrerzimmer und im Klassenraum. Wer allerdings das Wohl des Kindes/des Jugendlichen an die erste Stelle setzt, hat auch in unserer Schule viele Mšglichkeiten. Was im Umkehrschluss auch hei§t: Da die ŸberfŠllige Wende in der deutschen SchulpŠdagogik, in Schulpolitik und Schulstruktur, kaum zu erwarten ist, sind der einzelne Lehrer, das PŠdagogen-Team, die Schule vor Ort gefordert, sinnvolle pŠdagogische Arbeit zu leisten, auch im Ungehorsam gegen Ÿberkommene Vorschriften. Die Beispiele der Interviewten machen dazu Mut, auch wenn sie ab und an ein wenig selbstgefŠllig daherkommen.

Zwischen die Interviews setzen StŠhling und Wenders Exkurse, theoretische Hinweise, †berle- gungen und Ausblicke, die nicht immer einen unmittelbaren Bezug zu den GesprŠchen haben.

Besonders eindringlich untermauern sie dabei die Notwendigkeit, unsere Schulen endlich inklusiv zu gestalten. Der zweite Teil des Buches ist dem ãFallÒ des bayrischen Schulaufsichtbeamten a.D. Heinz Kreiselrneyer gewidmet. Nach der Chronologie seiner Disziplinierung durch die Regierung von MitteIfranken berichtet das CSU-Mitglied (!) Kreiselmeyer in einem Interview von seiner Arbeit als Schulamtsdirektor und Seminarleiter, vom vielfŠltigen ãDruck von obenÒ bei seinen Versuchen, Schule ohne ŸbermЧige RŸcksicht auf die rigide Bildungsadministration zum Wohl der Kinder zu gestalten.
Im letzten Kapitel kommen ein Hochschullehrer und eine Schulleiterin aus Kanada zu Wort. Ihre reformerischen AnsŠtze ãvon untenÒ bewirkten letztendlich die StrukturŠnderung des kanadischen Schulsystems.
Zum Abschluss der Bericht von Prof. Dr. Neville Alexander, ehemaliger sŸdafrikanischer FreiheitskŠmpfer und MithŠftling von Nelson Mandela, Ÿber Bildungsarbeit unter schwierigsten Bedingungen Ð im Gefangenenlager auf Robben Island. Seit Beendi gung der Apartheid arbeitet Alexander als Direktor der Bildungsinstitution fŸr alternative PŠdagogik erfolgreich in seiner Heimat.
Fazit: Das Buch zeigt eine bunte Palette pŠdagogischer Mšglichkeiten, nachahmenswerte Beispiele fŸr den Schulalltag, wissenschaftliche BegrŸndungen fŸr ŸberfŠllige Reformen, kleine Schritte und gro§e Erfolge Ð lesenswert fŸr jeden engagierten PŠdagogen und PflichtlektŸre fŸr die Schulaufsicht vom Schulrat bis zum Kultusminister.

Karl-Heinz Platte


Rezension
in Lehrerbibliothek.de

von Christian Prior
ãViva la revolucion! Hasta la victoria siempre!" Ð so oder so Šhnlich kšnnte man alle Personen, die in diesem Buch als Interviewpartner befragt werden, beschreiben.

Der Ungehorsam im deutschen Schuldienst scheint bereits im ganz kleinen anzufangen, sobald man nicht bŸrokratisch sondern menschlich oder pŠdagogisch anfŠngt zu denken. Allerdings schrecken die meisten dann doch vor der Maschienerie der BŸrokratie zurŸck oder bangen, um ihren Job. Wie sonst lŠsst sich erklŠren, dass es dennoch nur so wenige bekannte PŠdagogen gibt, die offen zu ihrem Ungehorsam im Schuldienst stehen.

Aus genau diesen Motiven handelten jedoch die Interviewpartner. Ihnen waren in den meisten FŠllen die Konsequenzen ihres Handelns egal, bzw. hatten sie bereits genug BefŸrworte um sich gesammelt.

Die Interviews veranschaulichen sehr gut wie marode und inkonsequent das deutsche Schulwesen in vielen FŠllen arbeitet.
Anhand des Beispiels ãLesehimmelÒ wird dies sehr gut deutlich. Da schafft man es junge SchŸler zum Lesen zu animieren, kostet die Stadt kein Geld fŸr irgendwelche Bauma§nahmen, da man eine breite Elternschaft, mit Fachleuten aus bautechnischen Berufen, motivieren konnte einen sog. Lesehimmel zu konstruieren und zu bauen, und doch wird das ganz Projekt dann doch von jenen Stadtangestellten mit fadenscheinigen AusflŸchten, nach einer Betriebsdauer von mehreren Monaten, stillgelegt.

Nicht die Bildung der SchŸler sondern finanzielle und wirtschaftliche Dinge stehen meist im Vordergrund. Politik sollte nicht Ÿber das wohl der Kinder entscheiden. Genau dies kann man als Grundtenor des Buches benennen.
Es šffnet einem die Augen fŸr Mšglichkeiten, sich im Schulalltag wieder auf das zu konzentrieren, worauf es sich zu konzentrieren lohnt. Die SchŸler.

Leider kommt das Gymnasium, bzw. Lehrer an diesen Schulen nicht all zu gut bei diesen Interviews weg, obwohl es sich auch an diesen Schulformen und unter diesen PŠdagogen einige gibt, die sehr ungehorsam arbeiten.

Fazit:
Absolutes Muss fŸr jeden PŠdagogen, der noch etwas verŠndern will!


Auszug
Rezension von Dr. Carl Rensinghoff, veršffentlicht in socialnet

Fazit Bildungsreformerinnen und -reformern und das gegenwŠrtige Bildungssystem Kritisierenden sei die LektŸre dieser Schrift wŠrmstens empfohlen. WŸnschenswert wŠre es, wenn es noch mehr querulatorische Psychopathen in der Bildungslandschaft gibt, die reformerisch und zum Wohle der zu Bildenden tŠtig werden.


Rezensison in
Zeitschrift fŸr HeilpŠdagogik 12/2010

Ungehorsam im Schuldienst. Der praktische Weg zu einer Schule fŸr alle

Reinhard StŠhling, Barbara Wenders (Hrsg.)

Der Band 66 der Reihe ÈGrundlagen der SchulpŠdagogikÇ von Reinhard StŠhling und Barbara Wenders verspricht eine Kraftquelle fŸr alle zu sein, die Schule grundlegend verŠndern wollen. Denn dieses Buch beschreibt Hilfen fŸr den Umbau von Schule, die das traditionelle Schulwesen ins Wanken bringen. Der Untertitel verrŠt die Zielperspektive: Die Schule fŸr alle. Und der Weg dorthin fŸhrt, wie zahlreiche Beispiele im Band belegen, oft Ÿber den ãUngehorsam im SchuldienstÒ. Das Herausgeberteam ist selbst erprobt im VerŠndern von Schule. Reinhard StŠhling ist Schulleiter der Grundschule Berg Fidel in MŸnster, Barbara Wenders ist dort als SonderpŠdagogin im Gemeinsamen Unterricht tŠtig. 2006 erschien von ihm bereits im gleichen Verlag ein Band mit hohem Innovationspotential: ÈÝDu gehšrst zu unsÜ Ð Inklusive Grundschule. Ein Praxisbuch fŸr den Umbau der SchuleÇ. Nun folgt konsequenterweise eine die Kreise erweiternde Ermutigungs- und Inspirationsschrift, die viele ÈZeugenÇ fŸr die NOT-Wendigkeit aufrichtig aufrechten Handelns zu Wort kommen lŠsst. Fotografisch wird der entsprechende Blick hierfŸr von Donata Wenders unterstŸtzt. Und schon das Inhaltsverzeichnis inspiriert:
Unter ÈI. ÝDer steinige WegÜ Ð Ungehorsam im Dienste der BildungÇ erzŠhlen neun PŠdagogInnen in unterschiedlichen Praxisfeldern von ihren widerstŠndigen Praktiken (Gerhard Sennlaub, Irmtraud Schnell, Brigitte Schumann, Ada Fuest, Gertraud Greiling, Walter Hšvel, Manfred Pollert, Raimund Patt, Astrid Kaiser).
Vertieft wird dies unter ÈII. ÝSkandal!Ü Ð Von Medien begleiteter Ungehorsam im Dienste der BildungÇ, wo die Chronologie des Disziplinierungsversuchs eines Èanstš§igenÇ Schulamtsleiters (Heinz Kreiselmeyer) erzŠhlt wird.
Im ÈTeil III. ÝAndere LŠnder Ð Andere SittenÜ Ð Ungeheure Horizonte fŸr die BildungÇ wird der Blick geweitet, indem ein kanadischer Schulamtsdirektor und Hochschullehrer (Gordon Porter) und seine Kollegin, Schulleiterin in New Brunswick (Jean Collicott), Ÿber die Entwicklung zu einem vollstŠndig inklusiven System einer ganzen Provinz berichten und der sŸdafrikanische PŠdagoge und WiderstandskŠmpfer Neville Alexander von der Bedeutung des gemeinsamen Lernens im GefŠngnis auf Robben Island erzŠhlt. Zwischen all diesen anschaulichen Beispielen, denen stets ein kurzer Steckbrief zur befragten Person voran steht und die quasi im GesprŠch entwickelt werden, bieten die Herausgeberinnen eigene Reflexionen an, zum einen jeweils als Exkurs zu verschiedenen Aspekten Ð wie pŠdagogische GrundŸberzeugungen, juristische Fragen, vermeintliche Norm-SelbstverstŠndlichkeiten, Èlistig widerspenstigeÇ Eltern oder psychologische †berlegungen zu ÈFlŸchten oder Standhalten?Ç, und zum anderen als ÈSammlung praxiserprobter UngehšrigkeitenÇ. Diese werden in eine †bersicht gebracht und unter den Rubriken ÈAlltagsnotwendigkeitenÇ, ÈWidersprŸche/ WiderstŠndeÇ, Èlangfristige VisionenÇ und Èerste UngehšrigkeitenÇ in systematische Teilschritte zerlegt. Ein weiterer Exkurs zur Geschichte des Ungehorsams in Praxis und Theorie rundet die Schilderung der listigen und erfolgreichen Modelle zur lebbaren VerŠnderung von Schule(n) ab Ð und das macht die LektŸre so nŠhrend: Real existierende Menschen erlŠutern die von ihnen gestaltete Praxis mit Èguten GrŸndenÇ Ð analytisch, getragen von Werten und Emotionen. Das vorliegende Buch ist ein Gewinn fŸr alle pŠdagogisch interessierten Menschen, die nicht auf ÈbessÕre Zeiten wartenÇ wollen, sondern jetzt das in Schulen tun mšchten, was ihr Gewissen ihnen nahe legt, die aus den Alltagsnotwendigkeiten heraus langfristige Visionen entwickeln und Ð weil sie mit den WidersprŸchen und WiderstŠnde integrierend umgehen wollen Ð mit ersten Ungehšrigkeiten beginnen, ohne den Nordstern einer Schule mit inklusiven Kulturen, Strukturen und Praktiken aus den Augen zu verlieren. Dabei ist dieser Band eine gro§e Hilfe!

Ines Boban


Reinhard StŠhling, Barbara Wenders (2011):
Ungehorsam im Schuldienst. Der praktische Weg zu einer Schule fŸr alle.
2. korrigierte und erweiterte Auflage.
Baltmannsweiler: Schneider Verlag.

ãIch war nicht mutiger als andere, ich war nur weniger feige.Ò
Gerhard Sennlaub

ãUngehorsam im SchuldienstÒ Ð der Titel des 250 Seiten starken Buches von Reinhard StŠhling und Barbara Wenders weckt sofort die Neugier der Leserin. Ungehorsam. Schuldienst. Sind das nicht zwei sich ausschlie§ende, ja geradezu kontradiktorische Substantive? Der Untertitel lŠsst die Sto§richtung des Ungehorsams erahnen: ãDer praktische Weg zu einer Schule fŸr alleÒ Ð eine Schule fŸr alle SchŸlerinnen und SchŸler, die Begabten und Leistungsstarken, die LeistungsschwŠcheren und die stŠrker FšrderbedŸrftigen (aus dem normalen Schulbetrieb ausgegrenzt als ãSonderschŸlerinnen und -schŸlerÒ), den SchŸlerinnen und SchŸlern, die aufgrund ihrer Herkunft schlechtere Startchancen haben oder denen gar aufgrund ihres unklaren Rechtsstatus als FlŸchtlinge das Menschenrecht auf Bildung versagt wird. Dass auch die zweite Auflage des 2009 erstmals erschienenen Bandes immer noch hoch aktuell ist, mšchte ich an einem Beispiel aus Hessen illustrieren: Am 25.2.2011 berichtet die Frankfurter Rundschau aus einer aktuellen Studie, dass die Zahl der Schulabbrecher in Hessen weiter ansteigt. 7 Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss, wobei FšrderschŸler und die SchŸler in Offenbach und Kassel besonders stark betroffen sind.

Was ãUngehorsamÒ ist, wird von den Autoren nicht streng definiert, sondern die Bedeutung ist eher prototypisch im Band prŠsent: Ungehorsam als Verweigerung von Gehorsam gegenŸber unsinnigen Rechtsvorschriften, Ungehorsam gegenŸber der blind exekutierten Selektionsfunktion von Schule und Notengebung, Ungehorsam gegenŸber vermeintlichen SachzwŠngen. In diesem Sinne kann sich Ungehorsam ausdrŸcken als Einstellung und/oder praktisches Verhalten, kann šffentlich gemacht werden oder hinter geschlossenen (Klassen-)tŸren erfolgen, allein oder gemeinsam geplant oder situativ entstanden sein. Gemeinsam ist den Praxisbeispielen zivilen Ungehorsams aus verschiedenen Grundschulen, reformpŠdagogischen Einrichtungen und Brennpunktschulen sowie Heimen, dass sie verschiedenen, quasi von ãobenÒ verordneten Schulreformen vorausgehen.

Die besondere QualitŠt des Bandes stellt sich durch die Interviews ein, die die beiden Autoren in den Jahren 2007 bis 2009 mit 13 bekannten Schulreformen und -reformerinnen vorrangig aus Deutschland, aber auch aus Kanada und SŸdafrika, gefŸhrt haben: Gerhard Sennlaub, Irmtraud Schnell, Brigitte Schumann, Ada Fuest, Gertraud Greiling, Walter Hšvel, Manfred Pollert, Raimund Patt, Astrid Kaiser, Heinz Kreiselmeyer, Gordon Porter, Jean Collicot und Neville Alexander. Die Darstellung selbst ist in drei Teile gegliedert:

ZunŠchst wird ãÈDer lange steinige WegÇ Ð Ungehorsam im Dienste der BildungÒ (S. 9Ð171) vorgestellt, es folgt die Aufarbeitung eines in den Medien stark prŠsenten Fallbeispiels um den Schulamtsleiter Heinz Kreiselmeyer (S. 174Ð209), drittens wird dann den BemŸhungen um eine inklusive Schule in Kanada (S. 213Ð227) und der Bildungsarbeit in sŸdafrikanischen GefŠngnissen zur Zeit der Apartheit nachgegangen (S. 241ff.). Zwischen den InterviewbeitrŠgen streuen die Autoren eigene als ãExkurseÒ gekennzeichnete BeitrŠge, die zwar nicht im direkten inhaltlichen Zusammenhang mit den Interviews stehen, aber einige der dort gemachten Aussagen systematisieren bzw. weiterfŸhren, insbesondere durch sehr hilfreiche tabellarische †bersichten zur Anregung eigener ReformtŠtigkeiten und WiderstŠndigkeiten.
FŸr den Lesenden angenehm ist, dass er quasi nach Interesse quer durch das Buch lesen kann, die BeitrŠge folgen keiner festgelegten Reihenfolge.
Um es vorwegzunehmen: Alle Interviews bieten beeindruckende Beispiele fŸr Zivilcourage gegenŸber einer inhumanen Systemlogik Ð oftmals ungeachtet drohender Sanktionen und Konflikten mit Vorgesetzten, aber auch Kolleginnen und Kollegen und auch Eltern. Der biographische Zugang fesselt dabei besonders durch die unerschrockene Offenheit der Interviewpartnerinnen und -partner, die nicht mit moralischem Zeigefinger berichten, sondern sehr authentische Einblicke in ganz persšnliche Erfahrungen und Konflikte geben (Es verwundert daher nicht, dass die Interviewten oftmals bereits dem Pensionsalter nahe oder bereits aus dem aktiven Schuldienst entlassen sind.) Die Betroffenheit, die sich beim Lesen einstellt, ist aber eine hoffnungsfrohe Ð trotz aller WiderstŠnde sind VerŠnderungen mšglich!
Aus der FŸlle der gleicherma§en eindringlichen, ernŸchternden wie ermunternden LektŸre der Einzelinterviews mŸssen aus RaumgrŸnden zwei Beispiele praktischen Ungehorsams genŸgen:
Gerhard Sennlaub, ehemaliger Lehrer, Schulleiter und Schulamtsdirektor begrŸndet ausfŸhrlich, was es hei§t ãvom Kind aus zu denkenÒ (S. 10), d.h. ãpŠdagogisch anstŠndig und vernŸnftigÒ (ebd.) zu handeln. So lŠsst er zum Beispiel im Aufsatzunterricht die Kinder die Noten befinden (im Ansatz zumindest im Sinne von Schreibkonferenzen ein Element heutiger Feedbackkultur im Rahmen der prozessorientierten Schreibdidaktik), akzeptierend, dass die Noten mangelhaft oder ungenŸgend fŸr die Kinder nicht existieren. Im Rechtschreibunterricht unterlŠuft er ebenfalls die Ausschšpfung der vollen Notenskala. Dem Benotungszwang werden auch von anderen interviewten Schulreformern etwa Ma§nahmen wie Bewertungsgutachten mit Fšrder- und nicht Defizitorientierung entgegengehalten, wie sie teilweise dann schulrechtlich im Nachhinein auch abgesegnet wurden. Als PŠdagoge macht er sein Vorgehen den Eltern transparent, zwingt es aber keinem Kollegen und keiner Kollegin auf. In einer Stadt hat er in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung eine Sonderschule fŸr Lernbehinderte aufgelšst. Besonders aufschlussreich war fŸr mich, dass (nicht nur) Sennlaub den Prozess von Schulreformen als Weg von unten nach oben kennzeichnet (vgl. z.B. S. 15f.), d.h. PraxisverŠnderungen aufgrund ihrer Notwendigkeit angedacht, erprobt, durchgefŸhrt und verbreitet werden (so etwa das Freie Arbeiten und das Arbeiten nach Wochenplan) Ð Neuerungen und VerŠnderungen der Schulkultur, die dann im Nachhinein durch Schulreformen verbindlich oder zumindest legitimiert werden.
Gertraud Greiling, GrŸnderin des Gievenbecker Projekts und ehemalige Schulleiterin der Wartburgschule, berichtet von ihren ReformbemŸhungen und rŠt, Reformen immer schrittweise und in angemessenem Tempo anzugehen. Ihre Ganztagsschule beginnt mit Spendengeldern, die den Einsatz einer Erzieherin mit einer halben Stelle ermšglichten, fŸhrte Ÿber die Abschaffung bzw. Umgestaltung einer Hausaufgabenpraxis, die die leistungsschwŠcheren Kinder benachteiligte und erforderte gelegentliche Mogeleien wie das EinŸben von Diktaten, die eigentlich ungeŸbt geschrieben werden sollen. Manches hat kafkaeske ZŸge, etwa wenn sie fŸr ihre Schule vom Schulamt Teppiche wŸnscht und die zerschlissenen AltbestŠnde von einem Gymnasium erhŠlt, das gerade einen neuen Teppich bekam. Den Kampf um jede einzelne Ressource, vom Einsatz eines Zivildienstleistenden bis hin zur Ausstattung der RŠume schildert sie mit viel Humor und Augenzwinkern Ð sie habe immer fŸr die Menschen, nicht gegen die Menschen gestritten. Aufschlussreich sind auch ihre Erinnerungen an die Praxis der Notenvergabe - so wurden in ihrer Klasse Lernentwicklungsberichte angelegt, die den SchŸlerinnen und SchŸlern eine differenzierte RŸckmeldung geben sollten und die gro§e Zustimmung bei den Eltern fanden. FŸr die weitere Schullaufbahn sei dies nicht hinderlich, sondern im Gegensatz fšrderlicher gewesen als reine Noten. Denn ihre SchŸler wollten wissen, warum sie nun genau eine vier erhalten hatten, d.h. was sie noch Ÿben kšnnten, wo genau sie nacharbeiten mussten usw.
Wie aus der vorangegangenen Besprechung hervorgeht, halte ich das Buch fŸr au§erordentlich lesenswert und mšchte es Studierenden wie Referendaren, jungen wie gestandenen Lehrerinnen und Lehrern und Ausbilder/-innen wie auch allen mit Schule befassten Personen in der KultusbŸrokratie und darŸber hinaus sehr empfehlen. Einige ungeklŠrte Fragen bzw. Ratlosigkeiten am Ende der LektŸre seien aber nicht verschwiegen: Die von den Schulreformern und -reformerinnen angesto§enen VerŠnderungen der Schulkultur sind beeindruckend und ausnahmslos auf die Bildung und die WŸrde der SchŸlerinnen und SchŸlern gerichtet.
Die versammelten tabellarischen †bersichten liefern Praxisanregungen und -anleitungen zum Handeln Ð allein oder im Verbund mit Gleichgesinnten, Eltern usw. Wie aber ist die weitere Schulentwicklung machbar? Besteht sie in der Summe von einzelnen, verantwortungsvoll durchgefŸhrten PraxisŠnderungen und WiderstŠndigkeiten gegenŸber Bestehendem und bestehendem Unsinn durch besonders engagierte, quer denkende Lehrerinnen und Lehrer?
Ist die ãSchule fŸr alleÒ erreichbar Ð wenn nicht die grundsŠtzliche Frage des Schulsystems diskutiert wird und strukturelle VerŠnderungen realisiert werden? Sollen sich derartige VerŠnderungen der Schulkultur in einem bundeseinheitlichen Rahmen vollziehen oder bleibt es bei schulspezifischen, regionalen bis lŠnderweiten Regelungen? Verdeckt der Ruf nach Eigeninitiative und Engagement der einzelnen Kolleginnen und Kollegen nicht grundlegende strukturelle Defizite und Machtstrukturen, die VerŠnderungen durch den SouverŠn bedŸrfen Ð den BŸrgerinnen und BŸrgern, die Ÿber die Schule entscheiden mŸssen, die sie wollen? Und Ð inwiefern bieten oder verhindern die Konkretisierungen der Bildungsstandards in den BundeslŠndern als Schulreform ãvon obenÒ Mšglichkeiten hin zur ãSchule fŸr alleÒ?
Bleibt zu hoffen, dass der in den versammelten BeitrŠgen geschilderte Wandel hin zu einer humanen, alle SchŸlerinnen und SchŸler fšrdernden und respektierenden Schule, weitergeht und die Diskussion um die grundsŠtzlichen StrukturverŠnderungen verstŠrkt, wie etwa die Auflšsung der Selektionslogik der SonderpŠdagogik. Das Buch ist hierfŸr eine unschŠtzbare Inspirationsquelle.

Katja Faulstich-Christ


Rezensison in Zeitschrift fŸr Humane Schule Mai 2011

Reinhard StŠhling

Was wir von heutigen Schulreformern lernen kšnnen

ãAuf dieses Buch habe ich schon seit vielen, vielen Jahren gewartet und sicherheitshalber schon mal einen Platz im Regal freigehalten. Ich wusste, es wird eines Tages erscheinen. Wahrscheinlich hat es die Zeit gebraucht, bis sich Autorinnen gefunden haben, um mit ihrer ,Geschichte? an die …ffentlichkeit zu gehen. Barbara Wenders und Reinhard StŠhling ist es zu verdanken, dass dieses Werk Ÿber ,Akte des Ungehorsams' das Licht der …ffentlichkeit erblickte.Ò

So beginnt die Rezension von GŸnther Schmidt-Falck im online-Magazin ãAuswegeÒ und schlie§t mit dem Fazit: ãDieses Buch bietet einen atemberaubenden Einblick in Inkompetenz, Peinlichkeiten und UnterdrŸckungsmechanismen im Schul- und Erziehungsbereich. Zwanghafte und Šngstliche Rektorinnen, kleingeistige Schulaufsichtspersonen und angepasste Politikerinnen werden immer wieder beschrieben. Die Interviews ermšglichen weiterhin einen Blick hinter die Kulissen einer schŠbigen Kultus- und SchulbŸrokratie. Wer glaubt, das Buch wŸrde einem beim Lesen den letzten Nerv rauben, wenn man sich mit solchen unglaublichen VorgŠngen beschŠftigt, irrt allerdings. Im Klappentext hei§t es: ,Das Buch bietet Hilfen fŸr den Umbau der Schulen und beschreibt an fassbaren Beispielen, wie das traditionelle Schulwesen ins Wanken kommt: Eine Kraftquelle fŸr alle, die Schule verŠndern wollen? Bingo! Diese Kraftquelle erlebte ich beim Lesen von Kapitel zu Kapitel aufs Neue.Ò

Auch Christian Prior ist begeistert von den heutigenSchulreformern und schreibt in ãLehrerbibliothek.deÒ: ,Viva la revolucion! Hasta la victoria siempre!? Ð so oder so Šhnlich kšnnte man alle Personen, die in diesem Buch als Interviewpartner befragt werden, beschreiben." Und er resŸmiert wie viele andere Rezensenten: ãAbsolutes Muss fŸr jeden PŠdagogen, der noch etwas verŠndern will!Ò

Was fasziniert so viele Leser an den klaren,ungeschminkten Worten z. B. des ehemaligen Schulrates Gerhard Sennlaub oder der ehemaligen Schulleiterin der Wartburgschule MŸnster? ãDie authentischen Schilderungen lie§en mich teilhaben an politischen KŠmpfen, Zweifeln und persšnlichem Wachstum. Da gibt es Menschen, die sich mit ZustŠnden und Strukturen nicht abfinden konnten und wollten. Menschen, die sich durchgesetzt haben, nicht zerbrochen sind. Manchmal mussten sie klug handeln: Zwei Schritte zurŸck, bevor es wieder einen Schritt weiter gehen konnte. Aber sie sind gegangen. Aufrecht. Haben sich nicht verbiegen lassen. Haben fŸr ihre Ideen und um ihren Platz, an dem sie arbeiteten und lebten, gekŠmpft. Die LektŸre war ein echter Gewinn!Ò (GŸnther Schmidt-Falck)

ãLesenswert fŸr jeden engagierten PŠdagogen und PflichtlektŸre fŸr die Schulaufsicht vom Schulrat bis zum KultusministerÒ, so Karl-Heinz Platte.

2011, schon ein Jahr nach seinem Erscheinen, liegt das Buch ãUngehorsam im SchuldienstÒ in leicht verbesserter und erweiterter 2. Auflage vor Ð ein Zeichen fŸr seine hohe AktualitŠt. Anspornende RŸckmeldungen erreichten die Autoren von leitenden Ministerialbeamten, fŸhrenden Wissenschaftlern, von Menschenrechtsinitiativen, von Behindertenvertretern und von etlichen sogenannten ãeinfachenÒ Lehrern, die eigentlich Ð wenn man die 13 interviewten Schulreformer richtig versteht die Helden dieses Buches sind.

Im Jahr 2010 bekam sogar ein scheidender Schulleiter in einer westfŠlischen Ortschaft ãUngehorsam im SchuldienstÒ als Abschiedsgeschenk von der Schulaufsicht Ð so in einem anerkennenden Beitrag der WestfŠlischen Nachrichten" zu lesen. Ungehorsam als konsequentes Handeln von Beamten, die auf die Verfassung vereidigt wurden! Ein kleines Symbol der Hoffnung.

*) Reinhard StŠhling, Barbara Wenders Ungehorsam im Schuldienst. Der praktische Weg zu einer Schule fŸr alle, 2. Auf!., Baltmannsweiler (Schneider Verlag Hohengehren) 2011, 256 S., Û 19,80

Der Autor: Dr. Reinhard StŠhling, Leiter der Grundschule Berg Fidel in MŸnster
www.ggs-bergfidel.de


© 2011 Prof. i.R. Dr. Reimer Kornmann

Unterrichtspraktische Impulse fŸr Inklusion

(Referat bei der Teilpersonalversammlung des Staatlichen Schulamts Mannheim am 29.03.2011 in Mosbach)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr wahrscheinlich werden Sie meine AusfŸhrungen mit sehr unterschiedlichen Erwartungen aufnehmen und verarbeiten. Dies ist sicher abhŠngig von Ihrer Lebensgeschichte, die stark von Ihren Erfahrungen mit Schule und Unterricht Ð sowohl in Ihren Rollen als Lernende wie auch als Lehrende Ð geprŠgt sein dŸrfte.
Diese PrŠgungen durch schulbezogene Erfahrungen fallen bei Ihnen vermutlich recht unterschiedlich aus. Auf diese Unterschiede gehe ich aber nicht weiter ein, sondern ich will in einem ersten Abschnitt versuchen, Ihre gemeinsamen Erfahrungen zu umrei§en. Diese Erfahrungen haben viel mit dem Thema Inklusion zu tun Ð wenn auch mit eher negativem Vorzeichen. Immerhin kšnnen daran wichtige Erkenntnisse anknŸpfen, die zum VerstŠndnis des sehr schillernden Begriffs der Inklusion beitragen.
Inklusion ist ja vor ziemlich genau zwei Jahren in Deutschland, nŠmlich am 26. MŠrz 2009, zu einem wichtigen bildungspolitischen Thema geworden, weil hier an diesem Tage die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen in Kraft getreten ist. Bekanntlich verpflichtet sie die Vertragsstaaten, ein inklusives Schulsystem auf allen Ebenen zu schaffen. Die Frage, was unter Inklusion zu verstehen ist und welche Chancen sich hieraus fŸr die Weiterentwicklung des Schulwesens ergeben, mšchte ich im zweiten Abschnitt meiner AusfŸhrungen behandeln.
In diesem soll deutlich werden, dass entscheidende Schritte auf dem Weg zu einem inklusiv ausgerichteten Schulsystem nur in der †berwindung separierender Strukturen und Mechanismen bestehen kšnnen. Diesen Meilenstein haben viele europŠische LŠnder, vor allem aber Kanada und die USA, schon seit lŠngerem hinter sich gelassen. Bei solchen internationalen Vergleichen wird deutlich, wie eng der Rahmen im deutschen Bildungssystem fŸr eine inklusive Unterrichtspraxis gezogen ist. Daraus ergibt sich die Frage, ob und wie dennoch Elemente einer inklusiv orientierten Unterrichtsgestaltung unter den derzeit gegebenen Bedingungen entwickelt werden kšnnen. Dieser Frage mšchte ich in einem dritten Abschnitt anhand eines praktischen Beispiels nachgehen.

1. Gemeinsame Erfahrungen deutscher Lehrerinnen und Lehrer

Uns alle verbindet zumindest ein wichtiges Merkmal, das uns von der Mehrzahl unserer deutschen Zeitgenossen deutlich abhebt: Wir haben den hšchsten Bildungsabschluss Ð bzw. ein entsprechendes €quivalent dafŸr Ð erreicht, den das deutsche Schulwesen zu vergeben hat Ð egal, wie leicht oder schwer dieses im Einzelfall auch gewesen und wie gut der jeweilige Notendurchschnitt letztendlich auch ausgefallen sein mag. Man kann auch sagen, dass wir alle HŸrden des Schulsystem Ð wenn auch vielleicht nicht immer beim ersten Anlauf Ð erfolgreich Ÿbersprungen (oder vielleicht auch unterlaufen) und somit einen durchaus privilegierten Status in der Gesellschaft erreicht haben. Mit Recht dŸrfen manche von uns hierauf stolz sein, insbesondere dann, wenn sie diesen schulischen Erfolg trotz widriger Bedingungen und dank besonderer Anstrengungen erkŠmpft oder ihn mit List und TŸcke errungen haben.
Letztendlich aber verdanken wir unseren Erfolg auch unseren Konkurrentinnen und Konkurrenten, die entweder an den Kriterien des hšchsten schulischen Erfolgs gescheitert sind oder sich diesen Kriterien aus verschiedenen GrŸnden nicht gestellt haben oder nicht stellen konnten.
Ich halte diesen Aspekt schulischen Erfolgs fŸr grundlegend. Zugleich vermute ich, dass er vielen von uns so selbstverstŠndlich, ja geradezu so trivial erscheinen mag, dass er kaum artikuliert, geschweige denn grŸndlich hinterfragt wird. Hinzu kommt die Tatsache, dass man verstŠndlicherweise leicht und gern dazu neigt, Kriterien, die einen selbst begŸnstigen, stillschweigend zu akzeptieren und vor Kritik in Schutz zu nehmen. Diese Kriterien, allen voran die versetzungsrelevanten steuernden Noten, bilden die Mechanismen des ausleseund wettbewerbsorientierten Bildungswesens. Wir selbst sind Nutznie§er dieser Mechanismen, und daher kann uns zunŠchst einmal eine gut nachvollziehbare, lebensgeschichtlich sinnvoll begrŸndete LoyalitŠt zu unserem Schulsystem unterstellt werden. Ist es doch verstŠndlich, dass man den Sinn und die Berechtigung von Regeln, die einen selbst begŸnstigen oder begŸnstigt haben, nur sehr ungern in Zweifel zieht und eigentlich nur solche Bedingungen Šndern mšchte, die einen selbst benachteiligen oder behindern.
Diese LoyalitŠt zum Schulsystem ist vielleicht wŠhrend der Studienzeit bei dem einen oder der anderen von uns durch kritische wissenschaftliche Impulse mehr oder weniger stark ins Wanken geraten, letztlich ist es aber verstŠndlich, wenn diese loyale Einstellung, bedingt auch durch die Erfahrungen im Referendariat, weitgehend in die Dienstzeit ãhinŸber gerettetÒ und dort eher noch gefestigt als erschŸttert wurde. Je stŠrker nun diese LoyalitŠt bei jeder einzelnen Lehrperson ausgeprŠgt ist, desto schwerer wird es fŸr sie sein, sich mit alternativen schulorganisatorischen und pŠdagogischen Konzepten interessiert, offen und konstruktiv auseinander zu setzen. Diese Aussage mag etwas ironisch klingen, doch so ist sie keinesfalls gemeint. Sie umschreibt vielmehr einen sinnvollen Kerngedanken mit wahrscheinlich hohem ErklŠrungswert, und sie nimmt dabei
Bezug auf eine wichtige gesellschaftspolitische Kategorie, die der Privilegierung. Sie ist zentral fŸr den Begriff der Inklusion.

2. Zum Begriff der schulischen Inklusion

Beim Begriff der schulischen Inklusion sind zwei Aspekte voreinander zu unterscheiden: der schulorganisatorische und der unterrichtspraktische.
Der schulorganisatorische Aspekt beinhaltet der Idee nach, dass auf jede Form von Auslese und Separierung verzichtet wird. Auslese und Separierung sind eng verbunden mit der vertikalen Gliederung unseres Bildungssystems. Dazu eine Anmerkung: †blicherweise ist von dem dreigliedrigen Schulsystem die Rede, jedoch existieren zusŠtzlich zwei der SonderpŠdagogik zugeordnete Schulformen mit noch geringer eingeschŠtzten AbschlŸssen: nŠmlich die Fšrderschule mit dem Schwerpunkt Lernen Ð vormals Sonderschule fŸr Lernbehinderte Ð und die Fšrderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung Ð vormals Sonderschule fŸr Geistigbehinderte. Den fŸnf Niveaustufen entsprechen also verschiedene AbschlŸsse von jeweils unterschiedlichem Wert fŸr die weitere Lebensgestaltung. Die verschiedenen Mšglichkeiten zur Wahrnehmung sozialer Chancen (Stichwort Qualifikation) und der Persšnlichkeitsentfaltung (Stichwort Bildung) mŸssen hier nicht im Einzelnen eršrtert werden, es genŸgt zu erkennen, dass es viele gute GrŸnde gibt, den hšchstmšglichen schulischen Bildungsabschluss anzustreben und die minderen zu meiden. Wer jedoch im Wettbewerb um die begehrenswerten PlŠtze im Schulsystem ins Hintertreffen gerŠt, kšnnte dies als Ausschluss oder Diskriminierung empfinden Ð ein Zustand also, der das Gegenteil von Inklusion umschreibt.
Nun kann aber ein gesellschaftlichen Zustand, in dem Privilegierung und Diskriminierung herrschen, nur aufrecht erhalten werden, wenn ihn sowohl die benachteiligten als auch die bevorzugten Menschen als gerecht und gerechtfertigt, eben als ãnormalÒ, erleben kšnnen. Die ideologische StŸtze hierfŸr bietet die Theorie der angeborenen Begabungsunterschiede, und als Instrument ihrer Feststellung dienen die Zensuren in Form von Ziffern-Noten. Sie bilden den Kern der Diskriminierung und verhindern grundsŠtzlich alle weiteren Entwicklungen auf dem Weg zur Inklusion.
Eine etwas differenziertere Betrachtung ist jedoch bei Menschen mit BeeintrŠchtigungen ihrer SinnestŸchtigkeit, ihrer sprachlichen und motorischen FŠhigkeiten und mit sozial-emotionalen Problemen angebracht: In Deutschland werden sie zu gro§en Teilen in eigens dafŸr eingerichteten Sonderschulen oder Ð nach aktueller Terminologie Ð in Fšrderschulen unterrichtet. Zur Analyse ihrer Situation greift die Kategorie der Privilegierung nur bedingt: Die entsprechenden Einrichtungen sind meistens personell und materiell relativ gut ausgestattet, was ja durchaus anerkennenswert ist. Die schulorganisatorische Separierung wird damit begrŸndet, dass nur eine auf die jeweilige BeeintrŠchtigung zugeschnittene spezielle pŠdagogische Fšrderung in eigens dafŸr vorgesehenen Einrichtungen die bestmšgliche Entwicklung gewŠhrleiste.
Eine solche BegrŸndung lŠsst sich jedoch weder mit pŠdagogischen Argumenten, noch mit den Ergebnissen praktischer Erfahrungen und empirischer Forschung halten Ð zumindest nicht in dieser absoluten Form. Die Idee der Inklusion wŸrde fŸr junge Menschen mit BeeintrŠchtigungen beinhalten, dass ihnen die gleichen Lern- und Erfahrungsmšglichkeiten geboten werden wie solchen Kindern, die keine BeeintrŠchtigungen aufweisen, und dass sie dabei alle Hilfen erhalten, die fŸr die Ausbildung ihrer Entwicklungspotenziale erforderlich sind. Dies geschieht am besten in einer Schule fŸr alle.
Dieser Gedanke leitet nun Ÿber zum schulpŠdagogischen Aspekt von Inklusion.
Es genŸgt, wenn ich diesen hier nur sehr grob skizziere, hŠngen doch alle wesentlichen Merkmale von einem entscheidenden Kriterium ab, dem schon angesprochenen Verzicht auf Ziffern-Noten.

Eine inklusiv orientierte pŠdagogische Praxis

Diese idealen Merkmale einer inklusiven Unterrichtsgestaltung lassen sich am ehesten und am besten in einem zensurenfreien Raum verwirklichen, mehr noch: Wer sich konsequent an ihnen orientiert, stellt die Ordnungsprinzipien unseres Schulsystems, zumindest im Bereich des šffentlichen Schulwesens, in Frage. Allerdings lassen sich solche subversiven Gegenbewegungen, die Ÿber die eng gezogenen Grenzen pŠdagogischen Denkens und Handelns hinausweisen, auch in der unterrichtspraktischen RealitŠt hin und wieder finden. Entsprechende Beobachtungen und Berichte kšnnen denjenigen Mut machen, die sich fŸr eine inklusive PŠdagogik engagieren, und sie bieten vielleicht denjenigen, die sich damit noch nicht intensiv auseinandergesetzt haben, neue Perspektiven. Daher mšchte ich abschlie¤end ein praktisches Beispiel anfŸhren, das an die †berlegungen und Analysen zur Leistungsbeurteilung anknŸpft.

3. Beispiel fŸr eine inklusiv gestaltete Unterrichtssequenz

Das nachfolgend dargestellte Beispiel wurde im Rahmen der schulpraktischen Ausbildung, an der ich mich im Rahmen meiner Aufgaben an der PŠdagogischen Hochschule beteiligte, gewonnen Ð und zwar bereits gegen Ende der 70er Jahre. Es lŠsst aber bereits bildungspolitische und bildungstheoretische Perspektiven erkennen, die meines Erachtens aktuell und richtungsweisend fŸr die Entwicklung inklusiver pŠdagogischer Konzepte sind.
Ich beobachtete einen Studenten bei einer Rechenstunde. Er stellte den Kindern Aufgaben, die im Kopf zu lšsen waren und ging dabei durch die Bankreihen. Dabei achtete er auf die Kinder, die sich meldeten und lie§ sich von ihnen die Lšsung ins Ohr flŸstern. Nachdem alle Kinder, die sich gemeldet hatten, auch berŸcksichtigt worden waren, lie§ er zunŠchst die Aufgabe wiederholen und rief danach gezielt bestimmte Kinder auf, die Lšsung zu sagen und zu wiederholen.
Es waren immer richtige Lšsungen, und sie wurden auch und gerade von den leistungsschwachen Kindern eingebracht.
FŸr diese als schwŠcher geltenden Kinder mag es ein besonders wohltuendes Erlebnis gewesen zu sein, mit richtigen Lšsungen identifiziert zu werden und hierfŸr Anerkennung zu erhalten Ð so wie fŸr alle anderen auch. Durch die Wiederholungen der richtigen Lšsungen im Zusammenhang mit der erneut vorgegebenen Aufgabenstellung ergaben sich auch Lerngelegenheiten fŸr diejenigen Kinder, die die Aufgabe falsch oder gar nicht gelšst hatten, ohne dass sie dabei negativ vor der Klasse auffielen oder gar blo§ gestellt wurden. Gleichwohl war es aber dem Lehrer mšglich, solche Schwierigkeiten zu erkennen, um sich fŸr das nŠchste Mal gezielte Hilfen und Erleichterungen zu Ÿberlegen. Keinesfalls war also die Unterrichtssituation fŸr irgendwelche Kinder, die bestimmte Schwierigkeiten hatten, beŠngstigend. Ihre Schwierigkeiten wurden zwar von dem Lehrer erkannt, fielen aber ansonsten nicht auf.
Gehen wir mit der Analyse dieses Beispiels nun noch einen Schritt weiter, nŠmlich Ð wie schon angedeutet Ð in den Bereich der Bildungspolitik und der Bildungstheorie.
Der Student hat nŠmlich mit diesem beschriebenen Unterrichtsausschnitt ein kleines, aber gut erkennbares StŸck Widerstand geleistet gegen die Logik der ausleseorientierten Schulsystems. So lange nŠmlich die Leistungen der Kinder mit Noten bewertet werden und so lange die Noten ausschlaggebend fŸr das Weiterkommen und ZurŸckbleiben im System sind, so lange wird von allen LehrkrŠften erwartet, dass sie die Noten nach gerechten Ma§stŠben und anhand transparenter Kriterien vergeben. So hŠtte es beispielsweise der Logik des Systems entsprochen, allen Kindern etwa gleich viele Aufgaben mit jeweils annŠhernd gleicher Schwierigkeit zu stellen und alle Kinder in etwa gleicher HŠufigkeit ihre Lšsungen sagen zu lassen. Im Sinne des Prinzips der Gerechtigkeit hŠtte so jedes Kind gleiche Chancen erhalten, und die Bekanntgabe der Lšsung vor der ganzen Klasse hŠtte dem Prinzip der Transparenz entsprochen. Auf diese Weise wŠren erkennbare interindividuelle Leistungsunterschiede erzeugt worden, die klare Einteilungen ermšglichen:

Beobachtungen dieser Art hŠtte der Lehrer registrieren und in seine Urteilsbildung Ÿber die Note in Mathematik einflie§en lassen kšnnen.
Auf diese Prinzipien der ausleseorientierten Gerechtigkeit und Transparenz hat nun aber der Student zugunsten eines pŠdagogischen Prinzips, das humanen Bildungsvorstellungen verpflichtet ist, verzichtet.
Auch wenn das Beispiel nur ein winziges Geschehen innerhalb der gesamten Bildungslandschaft darstellt, so lŠsst es doch erkennen, dass WiderstŠndigkeit des Denkens und Handelns im Bereich der PŠdagogik nicht nur mšglich ist, sondern auch mit guten pŠdagogischen Argumenten vertreten werden kann. Insofern stellt es die Logik der bildungspolitisch gewollten Aussonderung ein kleines StŸck in Frage. Zugleich zeigt das Beispiel, dass sich der Lehrer Ð zumindest in der geschilderten Situation Ð von den Ÿblichen Erwartungen und Vorgaben der Ausleseorientierung befreit und insofern einen Ansatz von WiderstŠndigkeit und MŸndigkeit gezeigt hat. Das sind nun Persšnlichkeitsmerkmale, die dem Gedanken der Bildung im Sinne von Heinz-Joachim Heydorn (1916Ð1974) durchaus nahe kommen1 (Heydorn, 1979).
Vielleicht wird das heute kaum noch bekannte, aber sehr tragfŠhige und umfassende Werk von Heydorn mit dem Konzept der Inklusion wieder aktuell.
Anlass zu entsprechender Hoffnung gibt ein wunderbares, spannend zu lesendes Buch mit authentischen Berichten und Interviews mutiger, fantasievoller und weitsichtiger Schulleute, auf das ich Sie gerne empfehlend hinweisen mšchte.
Der Titel: ãUngehorsam im Schuldienst Ð Der praktische Weg zu einer Schule fŸr alleÒ, herausgegeben von Reinhard StŠhling und Barbara Wenders, erschienen 2011 in 2. Auflage im Schneider Verlag Hohengehren.

1 Siehe Heydorn, H.-J. (1979): Der Widerspruch von Bildung und Herrschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp. Heydorn war ein Ÿberzeugter Gegner jedweder Auslese, die das hierarchisch gegliederte Schulsystem in Deutschland begrŸndet.


Karl-Heinz Platte in nds 4-2010

Reinhard StŠhling/Barbara Wenders

Ungehorsam im Schuldienst

Der praktische Weg zu einer Schule fŸr alle

Schneider Verlag;
Baltmannsweiler 2009;
ISBN 978-3-834005502;
255 Seiten; 19,80 Euro

Ein bunter Strau§ Ð vornehmlich praktischer Ð Erfahrungen und ideen aus der Schule und fŸr die Schule:
Im ersten Kapitel werden zwšlf PŠdagogen aus dem Bildungsbereich interviewt. Anschaulich und spannend berichten sie aus ihrem pŠdagogischen Alltag. Versuche, gegen den verordneten Trott, gegen sinnlose Vorschriften und unsinnige Bevormundung anzugehen. Es wird gezeigt, wie Schule gelingen kann, wenn Lehrer es als ihre Aufgabe ansehen, pŠdagogisch verantwortungsvoll zu handeln, auch ohne ãum Erlaubnis einzukommenÒ. Die (typisch deutsche) Angst vor AutoritŠten ist nirgends so kontraproduktiv wie im Lehrerzimmer und im Klassenraum. Wer allerdings das Wohl des Kindes/des Jugendlichen an die erste Stelle setzt, hat auch in unserer Schule viele Mšglichkeiten. Was im Umkehrschluss auchhei§t: Da die ŸberfŠllige Wende in der deutschen SchulpŠdagogik, in Schulpolitik und Schulstruktur, kaum zu erwarten ist, sind der einzelne Lehrer, das PŠdagogen-Team, die Schule vor Ort gefordert, sinnvolle pŠdagogische Arbeit zu leisten, auch im Ungehorsam gegen Ÿberkommene Vorschriften. Die Beispiele der Interviewten machen dazu Mut, auch wenn sie ab und an ein wenig selbstgefŠllig daherkommen.

Zwischen die Interviews setzen StŠhling und Wenders Exkurse, theoretische Hinweise, †berlegungen und Ausblicke, die nicht immer einen unmittelbaren Bezug zu den GesprŠchen haben.

Besonders eindringlich untermauern sie dabei die Notwendigkeit, unsere Schulen endlich inklusiv zu gestalten.
Der zweite Teil des Buches ist dem ãFallÒ des bayrischen Schulaufsichtbeamten a.D. Heinz Kreiselmeyer gewidmet. Nach der Chronologie seiner Disziplinierung durch die Regierung von Mittelfranken berichtet das CSU-Mitglied (!) Kreiselmeyer in einem interview von seiner Arbeit als Schulamtsdirektor und Seminarleiter, vom vielfŠltigen ãDruck von obenÒ bei seinen Versuchen, Schule ohne ŸbermЧige RŸcksicht auf die rigide Bildungsadministration zum Wohl der Kinder zu gestalten.

Im letzten Kapitel kommen ein Hochschullehrer und eine Schulleiterin aus Kanada zu Wort. Ihre reformerischen AnsŠtze ãvon untenÒ bewirkten letztendlich die StrukturŠnderung des kanadischen Schulsystems.

Zum Abschluss der Bericht von Prof. Dr. Neville Alexander, ehemaliger sŸdafrikanischer FreiheitskŠmpfer und MithŠftling von Nelson Mandela, Ÿber Bildungsarbeit unter schwierigsten Bedingungen Ð im Gefangenenlager auf Robben Island. Seit Beendigung der Apartheid arbeitet Alexander als Direktor der Bildungsinstitution fŸr alternative PŠdagogik erfolgreich in seiner Heimat.
Fazit: Das Buch zeigt eine bunte Palette pŠdagogischer Mšglichkeiten, nachahmenswerte Beispiele fŸr den Schulalltag, wissenschaftliche BegrŸndungen fŸr ŸberfŠllige Reformen, kleine Schritte und gro§e Erfolge - lesenswert fŸr jeden engagierten PŠdagogen und PflichtlektŸre fŸr die Schulaufsicht vom Schulrat bis zum Kultusminister.
Karl-Heinz Platte