Reinhard Stähling Barbara Wenders

Ungehorsam im Schuldienst

 

Von heutigen Schulreformern lernen

Ein neues Praxisbuch für den Umbau der Schule

 

Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2009

ISBN 9783834005502

 

„Der Mensch hat sich durch Akte des Ungehorsams weiter entwickelt“, schreibt Erich Fromm 1963, „auch die intellektuelle Entwicklung hatte die Fähigkeit zum Ungehorsam zur Voraussetzung.“

Neville Alexander, einer der bedeutenden Befreiungspädagogen Südafrikas und Weggefährte Nelson Mandelas erzählt, wie er ein Jahrzehnt im Gefängnis Mithäftlingen das Lesen und Schreiben beibrachte. Diese und andere Geschichten zeigen den Wert des Ungehorsams für die Bildung. Sie sind  in diesem Buch gesammelt. Gerhard Sennlaub hat als Schulrat ganze Lehrergenerationen fasziniert, indem er sich gegen unsinnige Schulvorschriften wehrte. Schulamtsleiter Heinz Kreiselmeyer kämpfte gegen die Mühlen der Bürokratie und blieb trotz eines Disziplinarverfahrens bis heute ungebrochen. Mit unbeirrter Durchhaltekraft baute Gordon Porter kanadische Schulen um, die wirklich für alle sind. Schulleiterin Gertraud Greiling zeigte Kindern in der Wartburgschule, die 2008 den deutschen Schulpreis erhielt,  wie man in Freiheit selbstständig handeln kann.

Bedeutende Pädagogen unserer Zeit betreiben eine Art von Selbsterforschung, wenn sie ihre Arbeit im Nachhinein betrachten. Sie alle entdecken den Bildungswert des Ungehorsams. Ihre aufrechte, humorvolle Haltung  macht sie unbequem. Faszinierende Fotos von Donata Wenders lenken den Blick auf die Würde der Kinder, um die es geht. Das Buch bietet Hilfen für den Umbau der Schulen und  beschreibt an fassbaren Beispielen, wie das traditionelle Schulwesen ins Wanken kommt: Eine Kraftquelle für alle, die Schule verändern wollen.

 

 

Barbara Wenders, Jg. 1952, Lehrerin für Grund- und Hauptschule und Sonderpädagogik, arbeitet im Gemeinsamen Unterricht in der Grundschule Berg Fidel Münster

 

Reinhard Stähling, Jg. 1956, Leiter der Grundschule Berg Fidel in Münster

 

Fotografische Schulimpressionen von Donata Wenders, Jg. 1965, Fotografin, Berlin


Ungehorsam im Schuldienst


Eine Rezension des gleichnamigen Buches
von Barbara Wenders und Reinhard Stähling
von Günther Schmidt-Falck


Auf dieses Buch habe ich schon seit vielen, vielen Jahren gewartet und sicherheitshalber schon mal einen Platz im Regal freigehalten. Ich wusste, es wird eines Tages erscheinen. Wahrscheinlich hat es die Zeit gebraucht, bis sich AutorInnen gefunden haben, um mit ihrer „Geschichte“ an die Öffentlichkeit zu gehen. Barbara Wenders und Reinhard Stähling ist es zu verdanken, dass dieses Werk über „Akte des Ungehorsams“ das Licht der Öffentlichkeit erblickte.

Wovon handelt das Buch?
Zwölf AutorIinnen, allesamt aus dem Bildungsbereich, berichten über ihren Berufsalltag als LehrerInnen, RektorInnen, in Heimen, in der Lehrerausbildung oder in der Schulaufsicht. Barbara Wenders und Reinhard Stähling stellten Interviewfragen, die Interviewpartner schilderten ihren alltäglichen Kampf gegen unsinnige Vorschriften, verknöcherte und unsichere KollegInnen und beschrieben destruktive, teilweise auch bösartige Vorgesetzte. Sie wehrten sich gegen Bevormundung und traten für Menschen ein, die auch unter der Willkür zu leiden hatten oder sich (noch) nicht wehren konnten. Es sind erlebte Geschichten und leise, manchmal auch laute Aufschreie gegen das Unrecht.

„»Der lange steinige Weg« - Ungehorsam im Dienste der Bildung“
Im ersten Interview des 1. Kapitels erzählt ein Schulrat, Gerhard Sennlaub (Titel: Gegen amtlich angeordnete Kinderschändung), dass er Freude und Befriedigung in seinem Beruf als Dorfschullehrer erleben wollte. Er müsse als Lehrer einsehen und empfinden können, dass er das Richtige tue. Unter dem Richtigen versteht er, dass sich eine Lehrkraft im Beruf wohlfühlt und dass auch die Kinder sich freuen. Er setzt sich für Kinder ein, für KollegInnen, die er später als Schulleiter an seiner Schule haben wollte. Eine seiner wichtigsten Botschaften:
„Bei Auseinandersetzungen muss unser Motto sein: Kein Verlierer!“ (S. 17)
Für die Lehrkräfte fordert er:
„Gebt ihnen den Freiraum, den Idealismus und pädagogische Vernunft brauchen, und ihr werdet merken, wie viele gute es gibt.“ (S. 15)
Ich habe seinen Beitrag als eine Art Einführung in das Buch empfunden.

Exkurse
Zwischen den Interviews schreibt Reinhard Stähling kurze Zusammenfassungen, Ausblicke und theoretische „Abrundungen“. Sie stehen inhaltlich in der Regel in keinem direkten Zusammenhang AUSWEGE – 31.12.09 Rezension: Ungehorsam im Schuldienst 1
zum vorausgehenden Interview. Er nennt sie treffenderweise „Exkurse“. Sie schauen über den Interviewtext hinaus, ordnen ein, struktieren und sammeln. Bei der Gelegenheit sei gleich ein Hinweis auf die Buchstruktur gestattet: Sie ist gut gemacht, übersichtlich und klar im Aufbau. Aufgrund der Struktur mit den vorausgehenden Interviews war ich eher bereit, mich anschließend auf einen theoretischen Exkurs einzulassen.

Betroffene erzählen
Im zweiten Interview kommt Irmtraud Schnell zu Wort. Sie ist Sonderpädagogin, und eines ihrer Themen heißt „Integration“. Sie berichtet über sich, über die Herkunft ihrer Empathie für Kinder und über die Entstehung ihrer Motive, sich für die Integration von schwierigen Kinder in die Regelschule einzusetzen:
„Das Thema »Dazugehören« ist ein ganz tief verwurzeltes. Als Kind musste ich mich aus gesundheitlichen Gründen mehrmals für längere Zeit fern von meiner Familie aufhalten. Dieses Herausgerissensein, keinen festen Platz zu haben, was das heißt, kann ich Kindern nachfühlen. Es soll nicht sein, dass Kinder sich fragen müssen: »Wo gehöre ich eigentlich hin?«“ (S. 38).
Gerade die Verbindung von eigenem Wachstum, erlebten Enttäuschungen und Erfolgen, vom Finden eigener Wege und Ziele und dem Kampf gegen gesellschaftliche Strukturen habe ich als eine der größten Stärken des Buches empfunden. So wird nicht nur das eigene heroische Handeln herausgestellt, wie das aus zahlreichen Beispielen der früheren Arbeiterliteratur bekannt ist. Dort sollten leuchtende Beispiele vorgeführt werden,
versehen mit dem moralischen Zeigefinger und dem Wissen um den „einzigen richtigen Weg“. In diesem Buch erzählen Betroffene von sich, ohne ständig „Wahrheiten“ verbreiten zu müssen.
In den weiteren Aufsätzen berichten die AutorInnen von der Leitungstätigkeit in reformpädagogischen Schulen, von Brennpunktschulen, Heimen und vom Widerstand gegen „gymnasiale Selbstverständlichkeiten“. Es würde zu weit führen, alle Interviews hier vorzustellen. Eines kann allerdings gesagt werden: Ich habe alle mit Spannung, Genuss und Betroffenheit gelesen.

„»Skandal« – Von Medien begleiteter Ungehorsam im Dienste der Bildung“
Der zweite Teil des Buches bleibt dem Schulamtsleiter a.D. Heinz Kreiselmeyer vorbehalten. Zunächstv wird eine Chronologie seiner Disziplinarmaßnahme vorgestellt. Danach erzählt er im Interview von seiner Zeit als Seminarleiter und als leitender Schulamtsdirektor. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse:
„Es wäre schlimm, wenn du als Lehrer, Schulleiter oder Schulrat eines Tages gehen würdest und keiner würde merken, dass du gegangen bist. Eine gesichtslose Schule, ein gesichtloses Schulamt. Schlimm. Wenn du keine Spuren hinterlässt, hast du einen ganz wesentlichen Auftrag verfehlt. Es muss spürbar werden, dass es dich gab.“ (S. 193)
Heinz Kreislemeyer ließ sich in keinem seiner vielen Arbeitsbereiche verbiegen. Die Verfolgung seiner Person fußt nicht zuletzt auf dieser Haltung. Die Regierung von Mittelfranken ermittelte 27 Monate lang gegen ihn. Die Hintergründe der „Untersuchungen“ sieht er darin:
„Der Auslöser für die Ermittlungen lag offensichtlich in meinem Gesamtverhalten. Die Untersuchungen bezogen sich, mehr oder weniger verdeckt, auf meine öffentliche Kritik am System Schule, auf mein Eintreten für das Volksbegehren »Bessere Schule für Bayern«, meine öffentliche Darstellung einer rigiden bürokratischen Bildungsadministration und nicht zuletzt auf meine Aktivitäten in der Initiative Praktisches Lernen Bayern e.V. Als »persona non grata«, als »Rebell« sollte mir eine scharfe Lektion erteilt werden. Fortan wurden alle meine beruflichen Wege bis ins kleinste Detail untersucht und verfolgt.“ (S. 197)
Heinz Kreiselmeyer hat an der Macht der herrschenden Klasse gekratzt. Sein Bericht ist erschütternd. Zum Glück hat er alle Details akribisch gesammelt. Zum Glück auch konnten „sie“ ihn nicht brechen.

„ »Andere Länder – Andere Sitten« – Ungeheure Horizonte für die Bildung“
Im letzten Teil des Buches erzählen ein kanadischer Schulamtsdirektor, eine kanadische Schulleiterin und ein südafrikanischer Pädagoge und Widerstandskämpfer über den Kampf in ihren Ländern. Sicherlich überflüssig zu erwähnen, dass dort die Veränderungen auch keine Begeisterungsstürme hervorgerufen haben. Sobald einer den Mainstream der herrschenden Reaktionäre und Kleingeister verlässt, beginnt der alltägliche Kampf.

Fazit:
Dieses Buch bietet einen atemberaubenden Einblick in Inkompetenz, Peinlichkeiten und Unterdrückungsmechanismen im Schul- und Erziehungsbereich. Zwanghafte und ängstliche RektorInnen, kleingeistige Schulaufsichtspersonen und angepasste PolitikerInnen werden immer wieder beschrieben. Die Interviews ermöglichen weiterhin einen Blick hinter die Kulissen einer schäbigen Kultus- und Schulbürokratie. Wer glaubt, das Buch würde einem beim Lesen den letzten Nerv rauben, wenn man sich mit solchen
unglaublichen Vorgängen beschäftigt, irrt allerdings. Im Klappentext heißt es:
„Das Buch bietet Hilfen für den Umbau der Schulen und beschreibt an fassbaren Beispielen, wie das traditionelle Schulwesen ins Wanken kommt: Eine Kraftquelle für alle, die Schule verändern wollen.“
Bingo! Diese Kraftquelle erlebte ich beim Lesen von Kapitel zu Kapitel aufs neue. Es war weniger das Sammeln von Informationen über eine mögliche Veränderung verkrusterter Strukturen oder das Vorgehen gegen autoritäre Vorgesetzte. Nein. Die autentischen Schilderungen ließen mich teilhaben an politischen Kämpfen, Zweifeln und persönlichem Wachstum. Da gibt es Menschen, die sich mit Zuständen und Strukturen nicht abfinden konnten und wollten. Menschen, die sich durchgesetzt haben, nicht zerbrochen sind. Manchmal mussten sie klug handeln: Zwei Schritte zurück, bevor es wieder einen Schritt weiter gehen konnte. Aber sie sind gegangen. Aufrecht. Haben sich nicht verbiegen lassen. Haben für ihre Ideen und um ihren Platz, an dem sie arbeiteten und lebten, gekämpft. Die Lektüre war ein echter Gewinn!

Über den Autor:
Günther Schmidt-Falck, personzentrierter Coach und Konfliktberater, ist Webmaster des Magazins AUSWEGE und Geschäftsführer der GEW Ansbach.

Kontakt:
auswege@gmail.com
www.magazin-auswege.de

Die Schule als Problem- und Konfliktfeld

von Christa D. Schäfer

Probleme und Konflikte sind normal und es wird sie immer geben.
Wichtig ist hingegen, wie mit ihnen umgegangen wird.
Schön wäre ein konstruktiver und kreativer Umgang …

Das sind einige meiner Standardsätze in der Konfliktlotsen- und Mediationsausbildung sowie in den Kursen zum Runden Tisch in der Familie. Jetzt habe ich ein Buch in die Hände bekommen, das voll von Problemen und Konflikten zum Thema Schule ist. „Ungehorsam im Schuldienst“, so heißt das Buch von Reinhard Stähling und Barbara Wenders aus dem Schneider Verlag Hohengehren.
Gehorsam war bzw. ist in den meisten Schulen noch immer oberstes Erziehungsziel. Da klingt es paradox, von PädagogInnen als „ungehorsam“ zu sprechen.
Die Autoren des Buches interessierte, was hinter den Kulissen von Schulen passiert, wo „ungehorsame“ Lehrerinnen und Lehrer bei der Veränderung von Schule erfolgreich waren. Und es ist ihnen gelungen zu zeigen, dass gute Pädagogik geradezu Ungehorsam herausfordert, so resümiert Astrid Kaiser in ihrem Vorwort zum Buch. Da müssen pädagogische Handlungsspielräume ausgeweitet werden und Zivilcourage gegen bürokratische unpädagogische Richtlinien stehen. Mut und der Wille, für Kinder und Jugendliche einzugestehen, wird so zur absoluten Voraussetzung für dieses Handeln. Ein wunderbares Buch ist daraus entstanden, dem ich viele Leser wünsche.
Über ein Kapitel, das mich besonders berührt hat, möchte ich hier berichten. Wenn Kinder nicht in die Norm passen, ein Exkurs über den Widerstand gegen gymnasiale Selbstverständlichkeiten – so heißt die Ausführung. Barbara Wenders erzählt von Nelly, die von Geburt an eine Spastik hat, dagegen aber meist schon mehrere Gedankengänge weiter ist, wenn die anderen Kinder und Jugendlichen ihrer Klasse gerade zu denken beginnen. Das hat ihr geholfen, eine „normale“ Schule besuchen zu können, doch hatte Nelly immer das Gefühl, besser sein zu müssen als alle anderen, um in der Schule bestehen zu können. Von den ganzen Schwierigkeiten eine Schule zu finden, in dieser Schule in Ruhe arbeiten zu können und sich dort mit ihrem Dreirad als Fortbewegungsmittel bewegen zu können, möchte ich gar nicht berichten. Ich möchte lediglich einige Sätze Nellys zitieren, die sie am Ende ihrer Schulzeit rückblickend sagt:

„Auf so einer Schule, wie meine Grundschule eine war, wäre ich gerne länger geblieben. Dort gab es den Klassenrat, da haben wir gelernt, dass wir alle die gleichen Rechte haben. Auch ich durfte mich, im Gegensatz zur weiterführenden Schule, über meine Lehrer beschweren. Im Klassenrat haben wir gelernt, dass niemand bloßgestellt werden darf, dass jeder, der Hilfe braucht, sie auch bekommt. Für mich war nach ganz kurzer Zeit klar, dass ich immer jemanden hatte, der mir die Türen aufhielt. Dieser Dienst war im Klassenrat geregelt worden, und er funktionierte so selbstverständlich wie jeder andere Dienst auch.
Dann gab es auch noch Treppen vor dem Eingang. Wie sollte ich mit meinem Dreirad dort hinauffahren können? Die Schulleiterin hat vermutlich gegen Bauvorschriften verstoßen, als sie einfach Holzbohlen dorthin legte. Ich kam jedenfalls barrierefrei in die Schule. Als eines Tages ein anderes Kind mir drohte, mich von der Rampe zu stürzen, wusste ich, das kann ich im Klassenrat klären. Und es wurde geklärt.“ (Buch S. 75)

Eine überzeugendere Empfehlung für den Klassenrat kann es meiner Meinung nach doch gar nicht geben! Ich habe eine Praxishilfe zum Thema Klassenrat geschrieben, die Sie kostenfrei herunterladen können und nach der Sie einfach und unkompliziert den Klassenrat einführen können. Falls Sie ein Trainingseinheit zum Klassenrat buchen möchten, auch dies biete ich in einer Ein-Tages und Drei-Tages-Variante in Ihrer Schule oder in meinen Berliner Räumlichkeiten an – hier ein Bericht zu meinem Klassenratstraining in Wolfsburg. Ich hoffe darauf, dass viele Klassen den Klassenrat ebenso wie Nelly als Klärungsort für ein friedlicheres Schulleben kennenlernen.

Kontakt:
www.chschaefer.de
www.mediation-berlin-blog.de
mail@ChSchaefer.de

Entwicklung durch Ungehorsam

von Detlef Träbert

Rätselfrage: Was haben Neville Alexander, Jean Collicott, Ada Fuest, Gertraud Greiling, Walter Hövel, Astrid Kaiser, Heinz Kreiselmeyer, Raimund Patt, Manfred Pollert, Gordon Porter, Irmtraud Schnell, Brigitte Schumann und Gerhard Sennlaub gemeinsam? Alle waren sie „Ungehorsam im Schuldienst“. So lautet denn auch der Titel des neuen Buches von Reinhard Stähling und Barbara Wenders, Schulleiter und Lehrerin an der für ihre reformpädagogische Arbeit berühmten Grundschule Berg Fidel in Münster.

Die beiden Autoren haben die vorgenannten Persönlichkeiten in Interviews zum Erzählen gebracht: über ihren Kampf „gegen amtlich angeordnete Kinderschändung“ (Sennlaub), die Überwindung von „Angst vor Autoritäten“ oder über das Durchstehen eines langen Disziplinarprozesses, ohne die eigene Identität aufzugeben (Kreiselmeyer). Dabei geht es nicht darum, den Ungehorsam per se zur Tugend zu erheben, sondern es geht um „den Respekt für die Interessen und Bedürfnisse der Kinder“, um die „Achtung ihrer Rechte“ und den „Gehorsam gegen die eigenen Ideale“ (Sennlaub). Diesen Intentionen tragen auch die sehenswerten, einfühlsamen Fotos von Donata Wenders Rechnung.

Für alle berichteten Beispiele gilt, dass der Mut und die Unerschrockenheit ihrer Protagonisten, oftmals aber auch ihre taktische Klugheit, die Voraussetzungen dafür waren, pädagogische Ideale in Praxis umsetzen zu können. Es gehört eine große Disziplin dazu, erfolgreich ungehorsam zu sein. Schulentwicklung, ob es um die Arbeit in einem sozialen Brennpunkt, die Entwicklung von Ganztagsschule, Inklusion oder Leistungsbeurteilung geht, ist nicht immer mit den geltenden Vorschriften vereinbar. Wer - zumal benachteiligten - Kindern und Jugendlichen wirklich helfen will, muss Dinge tun, die so eigentlich nicht vorgesehen sind.

Reinhard Stähling stellt in eingeschobenen Exkursen immer wieder Sammlungen „praxiserprobter Ungehörigkeiten“ vor, die bei der konkreten Schulentwicklung hilfreich sein können. Andere seiner Exkurse zwischen den Berichten widmen sich u.a. juristischen und psychologischen Fragen.

„Die Menschheitsgeschichte begann mit einem Akt des Ungehorsams, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie mit einem Akt des Gehorsams ihr Ende finden wird“, wird Erich Fromm zitiert (S. 228). So lange Menschen sich um Menschlichkeit bemühen, so lange ist Ungehorsam vonnöten. Aber können ausreichend viele Menschen ausreichend mutig sein? „Wenn ich in einem Rechtsstaat nicht in der Lage bin, meine Überzeugung zum Ausdruck zu bringen und ein ganz kleines Zeichen zu setzen, was hätte ich dann wohl im Nationalsozialismus für eine Rolle gespielt?“ (S. 63 f.), fragt sich Brigitte Schumann in ihrem Bericht. Insofern passt auch Neville Alexanders Schilderung aus dem Widerstand in Südafrika in den Kontext von „Ungehorsam im Schuldienst“, denn Ungehorsam eröffnet ungeheure Horizonte für die Bildung – überall auf der Welt, sogar bei uns.

„Ungehorsam im Schuldienst“ ist eine „Kraftquelle für alle, die Schule verändern wollen“, heißt es zu Recht im Klappentext, und darüber hinaus ist es eine Bereicherung für jeden, der Schule menschlicher gestalten möchte.

Dipl.-Päd. Detlev Träbert
www.aktion-humane-schule.de
ahs@aktion-humane-schule.de

Fuest, Ada (2008): Und in der Mitte das Kind: Praxiswege einer kindorientierten Grundschularbeit. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 272 Seiten. Euro 19.80.

„Und in  der Mitte das Kind“: Dieser Titel erinnert an das bekannte Motto „Jahrhundert des Kindes“,  so betitelte Ellen Key ihr 1900 erschienenes Buch. Sie vertrat in Anlehnung an Rousseau eine konsequent „natürliche Erziehung“ des Wachsenlassens und ein gesamtschul- und arbeitsschulartiges Modell der „Zukunftsschule“. Auch Titel, die in der Tradition Freinets, Montessoris oder Steiners stehen, könnten den Titel „Und in der Mitte das Kind“ zu Recht für sich in Anspruch nehmen, so dass sich die Frage aufdrängt, was denn Ada Fuests Buch besonders kennzeichnet. In welcher Tradition steht sie mit ihrem 2008 erschienenen Buch? Dessen acht Kapitel beantworten diese Frage eindeutig: Fuests theoretischer Hintergrund „entstammt individualpsychologischen Ansätzen, die sie in ihrem Verhältnis zu den Kindern lebt“ (Astrid Kaiser im Vorwort, S. XII). Damit ist bereits eine erste Stärke dieses zu besprechenden Buches angesprochen, dessen Lebensnähe. Ada Fuest schreibt auf dem Hintergrund ihrer langjährigen Erfahrungen als Lehrerin, Fachleiterin und Schulleiterin. Sie schildert zahlreiche Begegnungen mit ihren Schülerinnen und Schülern, zeigt deren „originäre Lebensbewegungen“ (Heisterkamp), lässt die Kinder sprechend, schreibend und zeichnend zu Worte kommen: „Ich heisse nicht Ralf, ich heisse Manfred. Meine Mutter nennt mich nur immer so, weil sie den Namen schöner findet“. So äussert sich Ralf, der ins erste Schuljahr eingetreten ist. Wie soll eine Lehrperson darauf eingehen? Muss das sein? Dies kann man sich schon fragen ........ „Wo würde ich hinkommen, wenn alle Kinder ständig ihre Namen wechseln wollten?“ Jetzt ist Manfred bzw. Ralf aber nicht irgendjemand, sondern – darauf weist die Individualpsychologie hin – wie jeder Mensch einzig- und eigenartig. Lehrerin Fuest hat sich auf Ralfs Wunsch eingelassen und hat ihm so die Chance für einen Neubeginn eröffnet. Er wurde ein anderer in der Klasse und „hörte mit dem Klauen langsam auf. Von den Kindern und seiner Lehrerin erhielt er mehr Mut zum Lernen“. (S. 28)

Solche Entwicklungsprozesse laufen nicht von selbst ab, brauchen Voraussetzungen, zum Beispiel das Gefühl, von den anderen Kindern und von der Lehrperson verstanden, akzeptiert und gleichwertig behandelt zu werden. Wie solche Prozesse verlaufen, wenn „in der Mitte das Kind“ steht, davon handelt das Buch. Methodisch hilfreich und die jeweiligen Entwicklungen anregend sind:

Wer zu diesen sieben Stichworten Anregungen sucht, findet diese vor allem in den ersten Kapiteln des Buches. Bei der Auflistung dieser methodischen Anleitungen zeigt sich Fuest Orientierung an der Individualpsychologie, immer wieder werden individualpsychologisch orientierte Psychologinnen und Psychologen wie Antoch, Dreikurs, Heisterkamp, Kummer, Schmidt oder Tymister zur Erläuterung angeführt. Zentral ist immer das Gelingen der Kommunikation, was im Einzelfall bedeuten kann: „Kinder zum Sprechen zu veranlassen, das eigene Verhalten im Gespräch auf das Kind hin so zu verändern, dass das Kind sich öffnen kann, dass es lernt, über sich und seine Schwierigkeiten zu sprechen, dass es lernt, dass Fehler zu machen zum Leben gehören, dass es lernt, um Hilfe zu bitten, wenn es etwas noch nicht kann, dass wir das Gespräch mit dem Kind nicht abbrechen lassen, dass wir einen ermutigenden Dialog mit dem Kind führen“ (Fuest 2008, S. 149).

Wenn das Kind lernen soll, dass Fehler zu machen zum Leben gehört, dass um Hilfe zu bitten erwünscht ist, dann muss es dies in der Schule gleichermassen erleben können. Ada Fuest weiss dies und bezieht sich darum – ganz in tiefenpsychologischer Tradition – als Person stets mit ein. So überscheibt sie ein Kapitel mit „Was habe ich von Sabrina gelernt?“, weil sie davon ausgeht, dass auch die Lehrperson stets am Lernen ist (vgl. Fuest 2008, S. 51). Konsequenterweise gehören für die Autorin Selbstreflexion und der Besuch einer Supervisionsgruppe zum Berufsauftrag der Lehrperson. So schafft sich diese die Voraussetzungen, um den Kindern tagtäglich offen, ehrlich und lernbereit begegnen zu können. Die tagtägliche Selbstreflexion gehört gleichermassen zum Berufsauftrag der Schulleiterin, auch darüber erfährt der Leser/die Leserin Wichtiges, zum Beispiel wenn Ada Fuest schreibt:“ Mit Macht ausgestattet, musste ich mir klar werden, was denn der richtige Gebrauch von Macht war...“ (S. 243).

Weitere Themen des Buches – zum Beispiel Sinti- und Roma-Kinder – oder innere Schulentwicklung und neue Strukturen – können im Rahmen dieser kurzen Besprechung nur genannt werden. Nochmals wird einem durch deren Nennung der weite Rahmen des Buches vor Augen geführt. Dieses ist spannend zu lesen, gerade weil die Autorin sowie deren Schülerinnen und Schüler gleichermassen zu Worte kommen.

„Und in der Mitte das Kind“ sollte in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung gelesen und diskutiert werden. Es zeigt eindrücklich die Möglichkeiten von Beziehungsbildung und – gestaltung in einer sog. Brennpunktschule exemplarisch auf, wie sie jeden Tag neu zu leisten sind. Das Buch stellt Anschauungsbeispiele zur Verfügung, wie sie oft fehlen. Und alle pädagogisch Interessierten können dem Buch „Und in der Mitte das Kind“ von Ada Fuest Anregungen für die Verwirklichung dieses alten reformpädagogischen Grundsatzes entnehmen, wie sie im Lichte der individualpsychologischen Theorie begründbar sind.

Jürg Rüedi, Zürich

Stähling, Reinhard (2006): „Du gehörst zu uns“ - Inklusive Grundschule. Ein Praxisbuch für den Umbau der Schule. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 184 Seiten. Euro 18.00. 

Ebenfalls theoretische Anstösse der Individualpsychologie, zum Beispiel hinsichtlich des Klassenrats, aufgenommen und verarbeitet hat Reinhard Stähling. Er unterrichtet seit 1982 ununterbrochen als Grundschullehrer und ist Schulleiter an der Grundschule Berg Fidel in Münster. Diese enge Verbindung zur Praxis verleiht seinen wissenschaftlichen und bildungspolitischen Veröffentlichungen zu Themen wie „Unterrichtsqualität“ oder zur so genannten „inklusiven Pädagogik“ eine Glaubwürdigkeit, die manch anderen Publikationen, entstanden nicht zuletzt unter dem Druck, publizieren zu müssen, abgeht.  Unter seinem Konzept einer „inklusiven Grundschule“ versteht er den Einbezug der Rechte aller Kinder. Eine „inklusive Bildung“ heisst für Stähling, dass alle Kinder in allgemeinen Schulen in heterogenen Lerngruppen der Vielfalt der Begabung entsprechend unterrichtet werden. Die nötige individuelle Unterstützung wird zum Kind gebracht. Bildung ist ein Recht, das zur Wahrnehmung anderer Rechte erst befähige; werde sie vorenthalten, bedeute das den Ausschluss von Selbstbestimmung, politischer und gesellschaftlicher Teilhabe, Arbeit und Gesundheit. Stählings Kritik richtet sich somit nicht gegen die Lehrpersonen, welche sich im vorgegebenen Rahmen mit all ihren Kräften für ihre Schülerinnen und Schüler einsetzen, sondern er prangert diejenigen Zustände an deutschen Schulen an, die vom Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen für das Recht auf Bildung, Vernor Munoz, angeprangert wurden:

Auf diese Weise produziere und reproduziere das Bildungssystem gesellschaftliche Ungleichheit und Armut. Für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und Benachteiligungen bedeute die Ausgrenzung in Sonderschulen den Einstieg in lebenslange Sonderwege an den Rändern der Gesellschaft. Gleichzeitig werde allen Kindern die Vielfalt der Gesellschaft in der Schule vorenthalten. Sie könnten so nicht im Alltag lernen, respektvoll und konstruktiv mit Andersartigkeit umzugehen.

Stähling fordert darum den „Umbau der Schule“: Es sei höchste Zeit für die inklusive Schule. Grundschullehrer Stähling lässt es nun – wie schon angedeutet – nicht bei dieser Kritik am deutschen Schulsystem bewenden, sondern er zeigt in der Grundschule „Berg Fidel“ in Münster bereits erprobte Wege auf, wie Schritte in Richtung „inklusive Grundschule“ möglich sind:

Diese sechs Merkmale sind für Stähling (2006, S. 99) „die soziale Basis für die Entwicklung aller Kinder. Sie ermöglichen jedem Kind in dieser Schule zu einer Arbeitshaltung zu finden“. In methodischer Hinsicht sind für die Grundschule Berg Fidel zwei Prinzipien wichtig, die sich mit den Begriffen „Gesundheitsförderung“ und „offener Unterricht“ umreissen lassen:

Das „inklusive Konzept Berg Fidel“ kann – und dies verstärkt wiederum die Glaubwürdigkeit von Stählings (2006, S. 111f.) „Praxisbuch für den Umbau der Schule“ - schon auf eine längere Entwicklung seit 1991 zurückblicken: „Nur wenige der inzwischen gemachten Schritte waren Jahre zuvor abzusehen, keine Erfahrungen haben wir voraussehen können und niemand hat 1991 eine Prognose gewagt, wie die Schule fünfzehn Jahre später arbeitet“. Entscheidend für den Fortschritt dieses „inklusiven Weges“ sei es, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht zu überlasten. Wenn Teamarbeit zum Wohle aller Menschen in der Schule kreativ genutzt werde, reduziere sich die Beanspruchung. In einer Zeit, in der wissenschaftliche Untersuchungen immer wieder auf die Belastungen der Lehrpersonen, hinweisen, in einer Zeit, in der „Burn-out in Lehrberufen“ ein Dauerthema ist, lässt diese Aussage Stählings aufhorchen. Dieser hat viel im Sinn, verfolgt hohe und anspruchsvolle Ziele, geht aber diesen Weg bereits und kann auf Erprobtes zurückblicken: „Es wird nicht theoretisiert über Inklusion, sondern es werden gangbare Wege aufgezeigt“  - mit diesen Worten würdigt Astrid Kaiser (2006, S. VII) als Herausgeberin der Reihe das Anliegen Reinhard Stählings (vgl. www. reinhard-staehling.de). Sie schliesst ihr Vorwort so ab: „Ich wünsche mir, dass die pädagogische Wärme und Zuversicht des Autors auch auf die Lesenden dieses Buches überströmt und dass viel Kraft von diesem Buch auf die Veränderung der Schulen im Lande ausstrahlt“. Diesem Wunsch kann nur beigepflichtet werden.

Jürg Rüedi, Zürich